WAS? WO? WANN? : Knebelketten und Luxusfrüchte

Im Geschichtslabor im Jugendmuseum Schöneberg forschen Schüler über das Leben in Berlin zwischen Mauerbau- und fall

Daniela Martens
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Geschichte und Geschichten. Wie war es damals in der geteilten Stadt? Wer war eigentlich Honecker? Warum trägt der Bauarbeiter...

Noch bis Dezember 2010 können Schüler ab zehn Jahren im „Geschichtslabor Nr. 02: Berlin halb und halb“ im Jugend-Museum Schöneberg, Hauptstraße 40/42, forschen. Informationen und Anmeldung unter Tel. 902 776 163 oder im Internet unter www.geschichtslabor.de. Es gibt verschiedene Projektangebote für Schulen und Kinderfreizeiteinrichtungen. Auch für Einzelbesucher ist es geöffnet (Mo., Di., Fr. 9–14 Uhr, Mi., Do. 9–18 Uhr, Sa., So. 14–18 Uhr). Der Eintritt ist frei. dma

Azad reckt eine Faust in die Luft: „Die Mauer soll fallen, die Mauer soll fallen“, ruft er. Der langhaarige Leo packt ihn von hinten, drängt ihn rabiat in eine Ecke und brüllt: „Du bist verhaftet.“ Da wird Azad ganz kleinlaut: „Aber bitte, nicht die Knebelkette“, fleht er. „Doch“, sagt Leo, auf dessen Pullover „Rabauke“ steht, unerbittlich, lässt Azad aber im nächsten Moment wieder los. Dann klatscht die ganze 5c der Schöneberger Löcknitz-Grundschule begeistert.

Es ist ein nasskalter Novembermittag, im Jugendmuseum Schöneberg. Seit heute morgen um neun „forschen“ Leo, Assad und ihre Mitschüler hier – beim Projekttag in der Ausstellung „Das Geschichtslabor Nr. 02: Berlin halb und halb“. Die Schüler sollen selbst etwas über die Geschichte Berlins zwischen Mauerbau und Mauerfall herausfinden – unter Anleitung von drei Museumspädagogen. Und nach drei Stunden präsentiert jeder sein „Forschungsergebnis“ bei der „Abschlusskonferenz“. Das „Forscherteam“ Leo und Azad zeigt seine kleine Theaterszene. Über ihren Köpfen wird dabei eine Zeichnung von einer „Knebelkette“ an die Wand projiziert. Daneben steht: „Tat weh“. Die Folie haben die beiden Fünftklässler zusammen vorbereitet.

Angefangen hat der Forschungstag der Schüler am Morgen mit einem ersten Gang durch die Ausstellung mit den bunten Vitrinen und beleuchteten Wandtafeln. Einen Gegenstand oder ein Thema sollen sie sich aussuchen, über das sie mehr wissen wollen. Jeder darf einen kleinen gelben Klebezettel mit seinem Namen an ein Objekt oder eine Tafel kleben.

Einige begeistern sich für das „Feld Telefohn“ – so oder ähnlich steht es in sehr freier Rechtschreibung auf mehreren der Klemmbretter, die die Museumspädagogen verteilt haben. Silina will herausfinden, was Hammer, Zirkel und Ährenkranz bedeuten. Joana und Nele erforschen Honeckers Leben. Constantin findet die Spionagekamera mit dem riesigen Teleobjektiv spannend. Und Azad und Leo sind fasziniert von der Knebelkette in einer der Vitrinen. Auf einem kleinen Schild steht, dass damit festgenommene Demonstranten misshandelt wurden. „Ich finde es doof, dass die denen früher so wehgetan haben“, sagt Azad. Auf seinem Klemmbrett steht: „Sie wurden verhaftet, weil sie bessere Rechte wollten.“

Jetzt will er noch mehr herausfinden und kramt in der silbernen Kiste, die unter der Vitrine steht. Darin findet er große Pappkarten, auf die alte Zeitungsartikel, Liedtexte und andere kurze Dokumente geklebt sind. Zu vielen Ausstellungsstücken gibt es eine passende Karte. „Ich hab’ was gefunden!“, ruft jetzt Malek begeistert, die ebenfalls über die Demonstranten forscht und auch in der Kiste sucht. „Randalierer wollten am Alex provozieren“, liest sie aus einem DDR-Zeitungsartikel vom 7. Oktober 1989 vor. „Überlegt mal. Ist es gerecht, so mit Demonstranten umzugehen“, greift Dominique Pleil ein. Die Museumsmitarbeiterin ist immer in der Nähe und leitet die Forscher behutsam an.

Lara malt gerade Bananen und eine Ananas. Sie hat herausgefunden, dass das in Ostberlin „Luxusfrüchte“ waren. Und Nina zeichnet daneben den Querschnitt eines Fluchttunnel unter der Mauer hindurch. „Oh nein“, sagt sie plötzlich erschrocken. „Jetzt habe ich Ost und West vertauscht“. Kein Problem, sie bekommt eine neue Folie.

Warum die Ost-Berliner durch Tunnel geflüchtet sind, fragt jemand Nina bei ihrer Präsentation. „Na so die normalen Sachen: weil es keine freien Wahlen gab und so“, erklärt sie, fast ein bisschen genervt. Das sollte doch inzwischen jeder wissen, findet sie. Schließlich hat die Klasse gerade eine Projektwoche zu dem Thema. Am Tag zuvor haben sie mit einem Zeitzeugen gesprochen. „Was ihr schon alles wusstet“, sagt Museumspädagoge Christoph Kühn bewundernd. „Aber wir haben noch viel gelernt, was wir noch nicht kannten,“ antwortet Nele. Und Kianusch sagt: „Geschichte ist in der Schule mein Lieblingsfach. Aber hier ist es noch besser. Hier kann man die alten Sachen richtig anfassen.“

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