Schule : Welch starkes Leichtgewicht

Sie ist sportlich, aber nichts für Raser. Sie ist handlich, aber nichts für Bummler. Die Kawasaki ER 6 f ist ideal für Normalos

Andy Schwietzer

Es war wirklich an der Zeit, dass die träge untere Mittelklasse Fahrt aufnimmt – sonst lässt sich die Branche ja auch einiges einfallen. Aber die kreuzbraven Zweizylinder der Einsteiger- und Gelegenheitsfahrermittelklasse mochte keiner mehr sehen. Hondas CBF 500 anstelle der CB 500 war halbherzig, weil einfach der alte Motor in das zu schwere Chassis der CBF 600 gepfropft wurde. Einzig Suzukis SV 650 bot einen Lichtblick, erschien vielen Interessenten aber zu sportiv.

Und nun Kawasaki. Die im letzten Jahr präsentierte ER 6 n (n für „naked“, also verkleidungslos) polarisierte aufgrund ihrer schrillen Optik die Kundschaft. Doch unisono waren vom Fahrschüler bis zum Speedfreak alle begeistert. Ein gut abgestimmtes, dabei sparsames Triebwerk mit tollem Getriebe in einem famos handlichen und fahrstabilen Chassis, dazu eine brillante Ergonomie. Eine runde Sache, auf Wunsch mit ABS und zu einem günstigen Preis. Herz, was willst du mehr? Kein Wunder, dass die ER 6 n sich aus dem Stand in die Top Ten der Zulassungsstatistik katapultierte. Und nun folgt schon die erste Variante, die es komfortabler, touristischer und gediegener angehen lässt. Die ER 6 f (das f steht für „fairing“, was im Englischen so viel wie „Verkleidung“ bedeutet) hofft auf reiselustige Piloten, die kein Motorrad haben wollen, was schwer in der Hand und auf der Tasche lastet.

Und wie flink und bequem ist die „f“ jenseits der warmen Prospektworte? Aufgesessen fallen die kompakte Statur und die perfekte Integration des Fahrers in das schlanke Motorrad auf. Mittelgroße Figuren sitzen perfekt. Ältere Herren mit dem Gardemaß langer Kerls könnten sich über den sportlichen Kniewinkel mokieren, doch für Langbeiner hält Kawasaki alternativ eine höher gepolsterte Bank bereit. Der breite Lenker zeigt schon sehr in die touristische Richtung und verwässert die schlanke Linie, macht aber andererseits im Stadtverkehr das Handling auch bei Stop-and-go federleicht. Wie überhaupt die Leichtigkeit des Fahrens das bestechendste Merkmal auch der f-Variante ist.

Der Einspritzmotor mit 72 PS bei 8.500/min (wahlweise 34 PS) braucht keinen Choke zum Starten, und auch ein Benzinhahn muss ebenfalls nicht gesucht werden. In der Stadt hat man stets mehrere Gänge der sechs möglichen zur Wahl und weder Vibrationen noch mechanische Geräusche stören. Beim Beschleunigen entfleucht dem Kielauspuff ein begeisternder Ton, typisch Zweizylinder klingt der, piekt aber in kein Bürgerohr.

Euro III und ein geregelter Kat zeigen das technisch Machbare im Motorradbau von heute. Getriebe und Kupplung demonstrieren den hohen japanischen Standard. Die Bremsen sind schlicht meisterlich zu nennen, ein ABS von Bosch ist für schmale 600 Euro zu haben. Schalter und Instrumente geben an keiner Stelle Rätsel auf, und die Abstimmung der simplen Federelemente entspricht gutem Durchschnitt: vorne komfortabel mit feinem Schluckvermögen, am Heck spürbar straffer mit Reserven für Beladung und Alterung. Die Verkleidung sorgt für einen dezent-dynamischen Auftritt und hält Winddruck und Schlechtwetter vom Fahrer fern. Nachteilig: Die Windgeräusche unter dem Helm sind lauter als bei der nackten Version.

Landschaftsfreaks könnten sich an einer Eigenheit stören, die die 210 km/h schnelle Kawasaki zu einem „Sporttourer“ machen: Wer gemütlich durch die Welt bummeln will, rollt gerne leicht über der Standgasdrehzahl dahin. Das beherrscht die Kawa nicht – Tribut an den als Gegenläufer mit um 180 Grad versetzten Hubzapfen konzipierte Zweizylinderkurzhuber. Wer vergisst, im Ort aus dem fünften oder sechsten herunterzuschalten, der wird mit Geruckel bestraft. Flotte Fahrer jedoch genießen den druckvollen Antritt in der Mitte des Drehzahlbands. Ganz oben kommt aber nicht viel, ab 7.000/min, wo bullige 66 Nm anliegen, biegt die Drehmomentkurve nach unten ab.

Alles in allem macht der Antrieb gerade Normalfahrer glücklich – und das mit einem Verbrauch von unter 5 Litern auf 100 km. Die Maschine fährt also sparsamer als die vierzylindrige Konkurrenz. Das Fahrwerk verwaltet die 72 PS jederzeit souverän und bügelt kleine Schnitzer locker glatt. Die Bodenfreiheit reicht stets aus und das Aufstellmoment beim Bremsen in Kurven ist denkbar klein. Die Leichtigkeit des Fahrens, die hier trotz der vollgetankt 204 Kilogramm schweren Maschine das Fahrerlebnis prägt und Vertrauen einflößt, bleibt das große Plus. Weniger famos sind die touristischen Qualitäten der „f“. Zu leiden hat der Sozius, der lange Beine nicht unterbringt und auf einem dünnen Polster hockt. Die Polsterung des Fahrers sitzt sich rasch zusammen – wie überhaupt die Verarbeitung keinen Besitzerstolz nährt. Ein Hauptständer zum Kettenschmieren wird vermisst. Zum Gepäcktransport bietet Kawasaki nur ein Topcase samt Halter an, wer Koffer und einen Tankrucksack sucht, muss auf dem Zubehörmarkt schauen. Der gröbste Schnitzer aber: Die Verkleidung verdeckt das Ölschauglas!

Wieder einmal haben die Japaner ein tolles Motorrad kreiert: Sparsam, flott, handlich, mit tollen Bremsen und schönem Ton. Eigentlich fehlt nur der Tourenkomfort für zwei, aber hier ist die japanische Konkurrenz keinen Deut besser. Und in allen anderen Disziplinen fährt die 6 765 Euro teure Kawa ganz vorn mit.

Die Kawasaki ER 6 f gibt es ab Werk auch in einer gedrosselten 34-PS-Variante.

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