Weltlehrerkongress : Schlechte Noten für die Regierungen

Zum Auftakt der diesjährigen Weltlehrerkonferenz in Berlin hat Horst Köhler die Industrienationen in die Pflicht genommen, die selbst gesteckten Milleniumsziele zu erfüllen. 80 Millionen Kinder gehen weltweit noch nicht zur Grundschule.

Uwe Schlicht

BerlinIn derselben Zeit, in der die globalisierte Welt mehr Wissen, Wissenschaft und Forschung verlangt, nehmen Armut und Ungleichheit zu und verstärken die Unterschiede unter den Ländern. Mit diesen Aussagen wandte sich der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki Moon in einem schriftlichen Grußwort an die 1500 Delegierten der Weltlehrerkonferenz, die in dieser Woche in Berlin tagt.

Ban Ki Moon erinnerte die Delegierten der Bildungsgewerkschaft Education International (EI) daran, dass ihr Kongress zu einem wichtigen Zeitpunkt stattfinde. Denn jetzt müsse geprüft werden, ob die Millenniumsziele aus dem Jahr 2000 mit ihrem Zeitplan bis zum Jahr 2015 auch von den Regierungen weltweit erreichbar seien.

Köhler: "Lehrerinnen und Lehrer sind für mich Helden des Alltags"

Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete in seinem Grußwort die Bildung als Schlüssel zu Wohlstand und sozialer Anerkennung. Die Weltgesellschaft habe jedoch das Menschenrecht auf Bildung bisher nicht befriedigend verwirklicht. Weltweit gingen 80 Millionen Kinder noch nicht zur Grundschule. Bevor die Kinder grundlegende Kompetenzen in Rechnen, Lesen und Schreiben beherrschten, brächen viel zu viele den Schulbesuch ab. Vor diesem Hintergrund sei es kein Wunder, dass jeder fünfte Erwachsene als Analphabet bezeichnet werden müsse.

Auch Köhler bekannte sich zu den Millenniumszielen: Zumindest bis zum Jahr 2015 sollte allen Kindern die Teilnahme am Elementarunterricht ermöglicht werden. Deswegen müsse die von den Industrienationen zugesagte Aufstockung der Entwicklungshilfe auch umgesetzt werden.

Vor den Delegierten, die 30 Millionen Lehrer und Erzieher vertreten, betonte der Bundespräsident die wichtige Rolle der Lehrer. Sie vermittelten den Kindern grundlegende Kompetenzen und seien Vorbilder. Aber die Arbeitsbedingungen müssten stimmen. Dazu gehörten die Anerkennung und Wertschätzung des Lehrerberufs, angemessene Klassengrößen und Einbindung der Schule in das gesellschaftliche Umfeld. Unter dem Beifall der Delegierten erklärte Köhler: „Engagierte Lehrerinnen und Lehrer sind für mich Helden des Alltags.“

Bildung nicht an "neoliberalen Vorstellungen" ausrichten

Der Präsident der weltweiten Gewerkschaft Education International (EI), Thulas Nxesi aus Südafrika, machte deutlich, wie weit man noch von den Millenniumszielen des Jahres 2000 entfernt sei. Obwohl sich 185 Regierungen zu diesen Zielen bekannt hätten, würden immer noch 200 Millionen Kinder zur Kinderarbeit gezwungen. Auf diese Weise werde ihnen das Menschenrecht auf Bildung versagt. Alle Zwischenberichte zeigten, wie enttäuschend die Realität sei im Vergleich zu den Versprechen, die die Regierungen im Jahr 2000 gegeben hätten. Die Enttäuschung beziehe sich besonders auf die Grundschulbildung und die Bildung der Mädchen. Von mangelnder Bildungsvorsorge seien besonders die Armen, Flüchtlingskinder und Kinder von Minderheiten betroffen.

Kritisch äußerte sich der Generalsekretär der EI zu „neoliberalen Vorstellungen“ von Weltbank, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und Welthandelskonferenz (WTO). Diese Einrichtungen verstünden unter Bildung „menschliches Kapital“. Eine solche Einengung laufe auf eine technokratische Auffassung von Bildung hinaus. Danach müsse Bildung auf der Grundlage standardisierter Tests evaluiert werden. Das sei aber nur eine Illusion von Fairness und Gleichheit. In Wirklichkeit würden Lehrern und Schülern von außen Leistungsstandards und Maßstäbe diktiert. Diese verengte Sicht werde den umfassenden Beziehungen in den Schulklassen nicht gerecht. EI-Präsident Nxesi sagte unter Beifall: „Wir sind kein menschliches Kapital, wir sind Menschen mit Rechten und entsprechenden Verantwortlichkeiten.“

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