Schule : Wenn das Brennglas Feuer legt

Auf einer neuen Internetplattform lernen Schüler von Monstern – „Edutainment“ heißt das Konzept

Martin Gropp
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Monster Klaus

Klaus ist ein richtiges kleines Monster: Wenn er wütend ist, hüpft er hektisch auf der Stelle auf und ab. Er hat wirres Haar, trägt kurze Hosen und ein zu enges Jackett. Außerdem ist Klaus Berliner: „Dit Licht wird abjelenkt?“, fragt er deshalb, während er sich mit der Lichtbrechung in einem Prisma beschäftigt. Klaus stellt die physikalische Frage nicht für sich. Denn neben all den anderen Eigenschaften hat er eine weitere: Er ist eine animierte Comicfigur und lebt in einer Lernwelt im Internet. Nur weil ein Internetnutzer die Geschichte des kleinen Monsters angeklickt hat, erfahren jetzt beide mehr darüber, wie optische Linsen das Licht brechen.

Die sympathische Nervensäge Klaus ist ein Charakter auf „Scoyo“, einer Internet-Lernplattform, die die gleichnamige Tochtergesellschaft der Bertelsmann AG entwickelt hat. Seit Ende Januar ist die Plattform im Netz zu finden. Geht es nach den Plänen ihrer Entwickler, soll sie Kinder zum Lernen animieren und Nachhilfestunden vermeiden helfen.Soweit nichts Neues: Die Idee, mit Computern zu lernen, gibt es so lange wie die Rechner selbst. Neu ist allerdings, dass Scoyo-Nutzer online lernen und keine zusätzliche Software mehr auf dem heimischen Rechner installieren müssen. „Es ist die logische Fortsetzung der Entwicklung des Internets“, beschreibt Scoyo-Geschäftsführer Ralf Schremper das Projekt.

Schüler der 5. bis 7. Klasse können derzeit über die Scoyo-Homepage in Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Deutsch ihr Wissen vertiefen oder ausbauen. Auch der Zugang wird im Netz geregelt. Erst kaufen die Eltern online ein Abonnement. Dann loggt sich der Schüler ein und begibt sich per Maus in verschiedene Lernwelten: Zum Beispiel zu den ausgemusterten Kino-Monstern wie dem kleinen Klaus, die auf einem stillgelegten Filmgelände wohnen. Dort dreht sich alles um Physik. Bei einer Clique von Robotern kann der Nutzer mehr über Biologie erfahren. Und gemeinsam mit ein paar gut gelaunten Schiffbrüchigen muss er auf einer einsamen Insel viel rechnen.

Per Mausklick oder Tastatureingabe löst der Nutzer die Aufgaben innerhalb einer oft pfiffig erdachten Geschichte. So macht sich Klaus überhaupt erst Gedanken über optische Linsen, weil der Weihnachtsbaum der Monster auf dem Filmgelände abgebrannt ist. Im Lauf der Aufgabe stellt sich heraus, dass der Baum mit alten Kameralinsen geschmückt war, die das Feuer auslösten – wie durch ein Brennglas.

Edutainment heißt das Konzept der Lerngeschichten. So wie Infotainment auf Deutsch „unterhaltende Information“ bedeutet, geht es bei Edutainment um „unterhaltendes Lernen“. „Die Schüler spielen, um Spaß zu haben und lernen gleichzeitig“, erklärt Ralf Schremper. Der Lernspaß fußt dabei auf einem Lehrplan, den Schrempers Mitarbeiter zusammen mit der Universität Lüneburg ausgetüftelt haben. In dieses „Mastercurriculum“ seien Lehrplaninhalte aus allen 16 Bundesländern eingeflossen, sagt Schremper.

Bevor Scoyo startete, luden Mediendidaktiker der Universität Essen-Duisburg rund 830 Kinder ein, um einige der Lernmodule zu testen. „Die Tests zeigten, dass Kinder mit Scoyo einen signifikanten Lernzuwachs erzielen“, berichtet Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik in Essen.

Damit ein Kind aber überhaupt mit Scoyo lernen kann, braucht es einen Rechner mit gängigem Betriebssystem, Lautsprecher sowie mindestens eine DSL-Internetverbindung. Das Abonnement kostet – je nach Abodauer – pro Monat zwischen 19,99 Euro und 9,99 Euro. Anders als bei Lernsoftware auf CD-Roms ist in dieser Abogebühr aber eine automatische Aktualisierung enthalten: Die Mitarbeiter der Scoyo-GmbH überprüfen die Inhalte auf der Webseite und erweitern stetig die Anzahl von derzeit gut 2300 Lernmodulen.

Schüler können das berlinernde Monster Klaus also in Zukunft durch noch mehr physikalische Lerngeschichten begleiten und dabei hören, wie er zum Beispiel laut ruft: „Dit merk ick ma!“ Für die Eltern wird dieser Ruf vermutlich eine gute und eine schlechte Seite haben: Einerseits hören sie, dass ihr Kind die Aufgabe gelöst hat. Andererseits klingt Klaus‘ Stimme wie Joe Cocker – allerdings lange vor dem Stimmbruch. Martin Gropp

Mehr Informationen zur Lernplattform Scoyo im Internet unter: www.scoyo.de

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