Schule : Wertvoller Abfall

In Berlin steht an jedem Recyclinghof ein Pole – in Frankreich will niemand die gebrauchten Artikel

Alina Wohlfahrt[Camille Vautier],Souhila Kharoune[Camille Vautier],Alix Le Calvez[Camille Vautier]

In der Hauptstadt der Bundesrepublik leben manche Polen vom Elektroschrott der Berliner. Mit 100 000 Tonnen wiederverwerteten Abfällen im Jahr liegt Berlin in Europa im Spitzenfeld. Einige elektrische oder elektronische Geräte haben jedoch ein anderes Schicksal als jene, die bei der BSR recycelt werden. In unmittelbarer Nähe eines jeden der 20 Berliner Recyclinghöfe stehen Männer aus Polen an der Straße und sammeln kaputte Geräte ein, die sie reparieren und hinterher in ihrem Heimatland verkaufen.

Das wollten wir uns eines Tages näher ansehen. Wir besuchten den Recyclinghof der BSR in der Gradestraße. Ulf Ziegler, technischer Mitarbeiter, zeigt auf einen weißen Kleinlastwagen, der etwas weiter weg am Straßenrand parkt: „In diesem Lieferwagen da drüben arbeitet ein Pole. Ich sehe ihn fast jeden Tag. Er kommt morgens gegen 9 Uhr und fährt am späten Nachmittag weg. Er wohnt in Küstrin, etwa 60 km entfernt.“

Wir marschierten also zu dem weißen Lieferwagen. Während wir noch die an der Hintertür des Fahrzeugs angebrachte Tafel „Nehme alles: Fernseher, Hi-Fi, Computer, Waschmaschiene (!),Computer, Mikrowelle …“ lesen, steigt ein lächelnder Mann aus. Seine Augen funkeln fröhlich, man sieht jedoch an seinem zerfurchten Gesicht und seinen kaputten Zähnen, dass das Leben es nicht so gut mit ihm meint. Obwohl seine Tätigkeit erlaubt ist, zeigt er sich misstrauisch und antwortet nicht gerne auf unsere Fragen. Er erzählt uns, wie schwer die Arbeit ist – vor allem in den kalten Berliner Wintern.

Seine Arbeit ist mühselig und bringt nicht viel ein, vor allem, weil er nur wenige Elektrogeräte bekommt. Von tausend Personen, die täglich den Recyclinghof in der Gradestraße anfahren, bringen höchstens zehn ihren Elektroschrott zum Polen. Warum nur so wenige? Anna Scholze, die wir beim Abladen eines Mixers und eines DVD-Players auf dem Recyclinghof treffen, sagt, sie fühlte sich unwohl, wenn sie ihr altes Gerümpel fremden Leuten gäbe. Andere sehen das „polnische Recycling“ als Gefahr für die Sauberkeit im Bezirk. „Es stört mich nicht, dass sie kaputte Geräte sammeln, um sie in Polen zu reparieren“, sagt Herr Meyer, Angestellter bei der BSR, „das Unangenehme ist nur, dass sie unbrauchbare Geräte nicht zum Recyclinghof bringen. Nach ihrer Abfahrt finde ich oft einen Herd, eine Waschmaschine oder einen Kühlschrank auf dem Trottoir.“

Wir finden es trotzdem toll, dass diese geschickten polnischen Bastler viele Berliner Elektrogeräte vor der Vernichtung bewahren und ihnen in einem anderen europäischen Land zu neuer Verwendung helfen. Als wir Wochen später Valorys, das Recyclingunternehmen des Départements Côtes d’Armor, besichtigten, stand niemand weit und breit, der defekte Elektrogeräte brauchen konnte. Die polnische Grenze ist auch zu weit weg. Alina Wohlfahrt, Souhila Kharoune, Alix Le Calvez, Camille Vautier

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