Wie gelingt Inklusion : Jeder ist anders, und das ist gut so

Inklusion kann man nicht verordnen. Aber es gibt Rezepte. Zwei Brandenburger Privatschulen wenden sie an.

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Experiment geglückt. An der Waldhofschule Templin lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam.
Experiment geglückt. An der Waldhofschule Templin lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam.Foto: Waldhofschule (Vonderlind/Parussel)

Ob hochbegabt oder mit Handicap – an der Waldhofschule im brandenburgischen Templin gehört Anderssein zum Alltag. „Hochbegabung und Behinderung sind zwei Seiten einer Medaille“, sagt die Schulleiterin Antje-Angela Uibel. Deshalb lernen hier alle Kinder gemeinsam. Es wird nicht nach Schwachen und Starken, nach Langsamen und Schnellen selektiert. „Wir betrachten jeden Schüler mit seinen individuellen Fähigkeiten und legen Wert auf eine ganzheitliche Entwicklung“, sagt Uibel.

Die Waldhofschule Templin wurde 1991 gegründet – zunächst als reine Förderschule für Kinder mit geistiger Behinderung. 2003 wurde sie in eine „Schule für alle“ umgewandelt und ging damit genau den umgekehrten Weg vieler Regelschulen, die sich heute für Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf öffnen. In der Grundschule lernen derzeit über 200 Kinder, knapp jedes zweite davon mit Förderbedarf. In den Klassen sitzen maximal 18 Schüler, je zur Hälfte mit und ohne Behinderung. Betreut werden sie von zwei bis drei Pädagogen, die Klassenleitung übernimmt ein Sonderpädagoge.

Zwölf moderne Klassenzimmer mit dazugehörigen Gruppenräumen stehen zur Verfügung. Es gibt eine Bibliothek, ein Exploratorium für Sachkunde und Naturwissenschaftsunterricht und einen „Snoezel“-Raum. Hier können Schüler – umgeben von Musik und Farbenspielen – einfach mal entspannen.

Mit ihrem Konzept leistet die Waldhofschule das, was viele hierzulande für unmöglich halten: gemeinsamer Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung, und das in einem Eins-zu-eins-Verhältnis. 2010 wurde sie dafür mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

Inklusion ist keine Technik, sondern eine Philosophie

Bundesweit besucht inzwischen jeder vierte Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule. Doch obwohl der Inklusionsanteil in den letzten vier Jahren gestiegen ist, sank die Exklusionsquote – also der Anteil separat beschulter Kinder – nur von 4,9 auf 4,8 Prozent, weil immer mehr Kindern ein Förderbedarf attestiert wird. Das geht aus einer 2013 veröffentlichten Studie des Bildungsforschers Klaus Kemm für die Bertelsmann Stiftung hervor. Die Förderschulen, so ein Fazit der Untersuchung, würden jene Ressourcen binden, die für den inklusiven Unterricht dringend benötigt werden.

„Dafür muss man allerdings bereit sein, sich auf Veränderung einzulassen“, ist Schulleiterin Uibel überzeugt. Das bedeute auch, sich von klassischem Unterricht zu trennen. Damit alle Kinder gleiche Chancen haben, müssten die Lehrpläne variabler gestaltet werden. An der Waldhofschule arbeiten Pädagogen deshalb in Jahrgangsteams: zwei Sonderpädagogen, zwei Grundschullehrer und ein Erzieher entwickeln gemeinsam den Stundenplan. Fächerübergreifendes Lernen, über 40 „Neigungsangebote“ wie Angeln, Keramik oder Theater und ein lebenspraktischer Unterricht, in dem vor allem die Schüler mit Beeinträchtigung lernen, wie sie im Alltag zurechtkommen, gehören dazu.

„Inklusion ist keine Technik, sondern eine Philosophie“, sagt Ulrich Kober, Direktor des Programms Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung. Wer Vielfalt und Teilhabe sichern wolle, müsse die gesamte Lernkultur umstellen. Freie Schulen hätten hier nicht per se bessere oder schlechtere Karten. „Es kommt auf die Philosophie des Trägers und die verfügbaren Ressourcen an“, sagt Kober. Stamme der Träger zum Beispiel aus dem Bereich der Lebenshilfe oder habe eine besondere Affinität zum gemeinsamen Lernen, seien die Voraussetzungen natürlich besonders gut.

Das Miteinander klappt nicht immer

Wie an der Seeschule Rangsdorf südlich von Berlin. In der Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe werden Schüler betreut, die von einer seelischen Behinderung bedroht oder betroffen sind – von Essstörungen, Depressionen oder Autismus zum Beispiel. „Bevor ein solches Kind in eine Klasse kommt, gibt es einen runden Tisch mit allen Eltern“, sagt Christiane Goltz, Leiterin pädagogische Entwicklung an der Seeschule. Auch mit den Mitschülern werden intensive Gespräche geführt.

Obwohl die Lehrer inzwischen 13 Jahre Erfahrung mit inklusiver Beschulung haben, klappt das Miteinander nicht immer. So zum Beispiel bei einem Schüler mit Asperger-Syndrom, der so aggressiv war, dass die anderen irgendwann nur noch Angst vor ihm hatten. Trotzdem ist Goltz dafür, die Förderschulen abzuschaffen – warnt aber auch vor blindem Aktionismus. „In einer Regelschule einfach zu sagen, wir machen jetzt Inklusion, das funktioniert nicht. Personal und Ausstattung müssen stimmen.“

Und das kostet Geld. „Eigentlich sollte Bildung der größte Etat im ganzen Haushalt sein“, sagt sie. Die Seeschule Rangsdorf kann sich zum Glück den guten Betreungsschlüssel leisten: Als Einrichtung der Kinder und Jugendhilfe wird sie staatlich gefördert.

Gerade die freien Schulen würden bei der Finanzierung aber oft zu kurz kommen, sagt Antje-Angela Uibel von der Waldhofschule. Das Schulgeld zu erhöhen, sei keine Lösung. „Uns ist wichtig, dass wir keine soziale Auslese betreiben“, sagt sie. Auch wenn Privatschulen mit weniger Geld als staatliche auskommen müssten, hätten sie einen entscheidenden Vorteil: Sie könnten ihre Finanzen selbst verwalten. „Da sind wir viel flexibler“, sagt Uibel. „Wenn zum Beispiel neue Möbel für einen Klassenraum gebraucht werden, dann kaufen wir sie eben und verzichten zunächst auf andere Ausgaben.“

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