Schule : Wilder Westen auf Schwedisch

Volvo bringt zeitgleich seinen größten und die beiden kleinsten Motoren in den Handel

Ingo Wolff

Der wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an. Das ist seit dem Country- Song der Gruppe Truck Stop bekannt. Nun hat die A7 hinter Hamburg nicht wirklich viel mit einem Highway in – sagen – wir Colorado gemein. Doch Colorado ist weit und die A7 für eine Testfahrt das weitaus bessere Pflaster. Der Horizont ist lange nicht so unendlich wie die Geschwindigkeitsbeschränkung.

Auch wenn der neueste Volvo XC90 eigentlich eine weite Weide verdient, gönnen wir ihm lieber eine Straße, auf der er sich mit seiner Kraft austoben kann. Oh ja, kraftvoll ist der XC90 mit dem neuen Achtzylinder-Motor. Volvo hat sein Motorenprogramm nach oben erweitert. Der Achtzylinder-Benziner hat den größten Motor der Schweden. Ein Triebwerk mit 4,4 Liter Hubraum. Da zuckt der rechte Fuß schon beim Einsteigen in den erhöhten Innenraum.

Er fühlt sich schön an. Gemütlich mit seinen Sitzen, die für lange Strecken in Schwedens Wäldern oder Amerikas Prärien erdacht sind. Auch wenn sich ein kleiner Fahrer in dem großzügigen Innenleben ein wenig verloren vorkommt. Es ist ein herrlicher Ausblick von hier oben, über die Dächer der anderen Autos hinweg, ideal zum Aus- und Einparken. Selbst wenn man sich mit den Ausmaßen des SUV-Gefährts in einem Parkhaus etwas hilflos vorkommt.

Diese Hilflosigkeit vergeht spätestens nach dem Verlassen des engen Parkraums. Der Motor brummt leise und zieht gemütlich an den Ampeln vor den anderen Limousinen weg. Der XC90 V8 ist trotz seiner Bulligkeit auch spritzig. Nach nur rund sieben Sekunden hat der Wagen die ersten hundert Stundenkilometer erreicht. Auf der Autobahn findet sich selbst beim dichten Schnellverkehr eine Lücke fürs Überholen. Ein kurzer Antritt auf das Gaspedal und der Motor schaltet automatisch vom sechsten in den fünften Gang zurück. Sein leises Brummen wird kurz zum mittleren Röhren und der Wagen beschleunigt in Windeseile von 180 auf 200 Stundenkilometer. Der Körper wird bei dieser kleinen Kraftübung für den XC90 sanft in den Sitz gedrückt. Die gemeinsame Kraftanstrengung von Wagen und Rücken endet bei 210 km/h, hier hat Volvo den Motor gedrosselt. Bei den Ausmaßen (siehe Kasten) und dem Gewicht von 2300 Kilogramm (Leergewicht inklusive Autor) fühlt sich der XC90 selbst bei der hohen Geschwindigkeit fast an wie auf Schienen. Auch die höhere Windanfälligkeit ab Tempo 180 macht die Fahrt im windigen Schleswig-Holstein nicht wirklich zu einer Schaukelpartie.

Nur die Verbrauchsanzeige während des Überholmanövers holt den Fahrer hart auf den Boden der Autobahn-Wirklichkeit zurück. „Der aktuelle Verbrauch beträgt 79,9 Liter.“ Ein Hammer. Schnell den Drehknopf hinter dem Lenkrad eine Position weitergestellt und schon fällt der Körper wieder entspannt in den angewärmten Fahrersitz zurück: „Der Durchschnittsverbrauch beträgt 13,6 Liter.“ Das liegt nur minimal über den Angaben von Volvo. Aber bei 315 PS sollten Fahrer mit einer Neigung zum Kickdown Vorsicht walten lassen.

Damit die neuen Volvofahrer bei diesen Verbrauchswerten nicht von ihrem ökologischen Gewissen geplagt werden, wurde bei der Neukonstruktion des Motors neben der für Volvo schon bekannten hohen Sicherheit auch auf die Umwelt geachtet. Als weltweit erster Achtzylinder-Motor erfüllt der XC90 V8 die strengen US-Schadstoffbestimmungen von ULEV II und würde damit auch die Euro-5-Norm erreichen, wenn sie denn so wie derzeit geplant in Kraft tritt. Die Maßgaben orientieren sich dabei weniger an England und Deutschland, die in der Verkaufsstatistik der Schweden noch hinter ihrem Heimatmarkt auf Platz 3 und 4 liegen, sondern an den Bedürfnissen der US-Käufer, dem größten Absatzmarkt von Volvo. Doch nicht nur die Amerikaner können sich über ein weiteres – fast selbstfahrendes – Gefährt für ihre Highways freuen. Auch auf unseren Straßen muss man bei Einparkhilfe, Navigation, Automatik und Tempomat nur noch die Augen offen- und das Lenkrad festhalten. Und selbst das müssen die Finger eigentlich nicht mehr loslassen. Navigation, Radio und selbst Telefon können bei hohem Tempo entspannt vom Lenkrad aus angesteuert werden. Das Telefon ist unsichtbar ins Cockpit eingebaut worden, nur der Chip muss in eine besondere Vorrichtung unter dem Radio geschoben werden. Gut sichtbar ist dagegen das Navigationsdisplay in der Mitte des Cockpits, das futuristisch beim Aktivieren aus einer Lautsprecherbox herausfährt.

Weniger futuristisch, dafür praktisch für Familien ist ein eingebauter Kindersitz, der sich aus einem normalen Sitz auf der Rückbank hochklappen lässt. Wird die Mittelkonsole zwischen Mama und Papa ausgebaut, dann kann der Filius mit seinem Sitz sogar auf Kontaktnähe herangerückt werden. Wenn neben der Familie noch Freunde mit dem großen Vehikel transportiert werden sollen, lässt sich hinter der Rückbank eine weitere Bank im Kofferraum hochklappen, die aus fünf sieben Sitze macht. Sowohl diese letzte als auch die mittlere Reihe hat eigene Kopfhörerausgänge für das Audiosystem.

Volvo hat in dieser Woche jedoch nicht nur das größte, sondern zeitgleich auch die beiden kleinsten Triebwerke in seinem Motorenprogramm in den Handel gebracht. Die Serie S40/V50 wurde mit zwei 1,6-Liter-Maschinen ausgestattet, die damit auch weniger zahlungskräftige Käufer erreichen soll. Die Limousine S40 und der Kombi V50 sind sowohl als Benziner als auch als Diesel in dieser Motorengröße erhältlich. In der kompakten Mittelklasse von Volvo stehen damit insgesamt sieben unterschiedliche Motoren zur Verfügung.

Das Umsteigen vom XC90 in die kleinen S40/V50 fällt ein wenig schwer. Nicht nur der Fahrer wird in der Sitzhöhe auf Normalmaß gestutzt, auch die Motorisierung wirkt in den Autos etwas schwerfällig. Die 74 kW (100 PS) des Benziners machen aus den beiden Mittelklasse-Volvos keine Sportler. Sie ermöglichen aber zügiges Reisen. Der kleine Motor taugt auch für lange Strecken – nicht nur, weil er laufruhig ist, sondern auch, weil er sich mit dem Durst zurückhält. Mit gut sieben Litern Durchschnittsverbrauch kann man unterwegs sein.

Der Diesel der Serie S40/V50 ist sicher nichts für Fahrästheten, dafür aber etwas für besonders sparsame Fahrer. Der Motor leistet noch zehn PS mehr als der 1,6-Liter-Benziner. Mit durchschnittlich 4,9 Litern ist der 1.6 D aber der sparsamste Volvo und bereitet mit einer Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h durchaus Fahrvergnügen – ein Wort das unübersetzt sogar Amerikaner verstehen und für die ist dieses Auto mehrheitlich gedacht. Auch wenn der S40 sicher kein Klassiker für den Wilden Westen ist.

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