WIR MACHEN SCHULE : Händel verbindet Bolivien und Zehlendorf

Vorkonzert. Das Orchester probt.
Vorkonzert. Das Orchester probt.Foto: Georg Moritz

Fünf Minuten ist es her, da haben sie sich zum ersten Mal gesehen. Jetzt sitzen sie Seite an Seite. Von vorne kommt das Signal, die ersten Takte von Händels Marsch aus „Scipio“ ertönen und der orchestrale Klang macht klar: Das passt.

Rund 60 Berliner Oberschüler, von Turnschuhen bis Dreadlocks in allen Stereotypen und zwanzig bolivianische Musiker zwischen zwölf und 27 Jahren, gut 10000 Kilometer gereist: Sie kennen einander nicht, aber alle kennen sie ihren Händel. Und so schafft die Musik, was sie schon seit Jahrhunderten tut: Sie verbindet.

Drei Tage lang werden das Sinfonieorchester der Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Oberschule und das bolivianische „Ensemble Moxos“ zusammen musizieren und auftreten. Eine ungewöhnliche Kombination - möchte man meinen. Doch barocke Musik hat in Bolivien Tradition. Im 17. Jahrhundert kamen spanische Missionare des Jesuitenordens in diesen Teil Südamerikas – und mit ihnen die Musik. Das „Ensemble Moxos“ verbindet in seinen Auftritten europäischen Barock mit indigener Tradition. Es ist ein versöhnlicher Ansatz angesichts der brutalen Erfahrungen, die Boliviens Ureinwohner mit den Jesuiten gemacht haben. María José Muñoz vom Lateinamerikanischen Institut der Freien Universität bezeichnet das „Ensemble Moxos“ deshalb als „wichtigste Botschafter Boliviens“. Über den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit werde im eigenen Land viel diskutiert, sagt Muñoz, „die Zeit der christlichen Kolonialherren ist immer noch negativ konnotiert.“

Zusammen mit Michael Riedel, dem Leiter des Orchesters, hat Muñoz das Treffen der Musiker organisiert. Als am Montag der Bus mit den weit gereisten Gästen eintrifft, ist die Aufregung zu spüren. Riedel begrüßt die Musiker in einer Mischung aus Spanisch, Französisch, Englisch – wer braucht Vokabeln, wenn er Noten hat?

Mitten im Orchester sitzt Lena Matzeit. 18 Jahre ist sie alt, elf davon spielt sie Klarinette. 2011 war sie mit dem Droste-Hülshoff-Orchester für zwei Wochen in Südamerika, in Peru. Welche Unterschiede sind ihr aufgefallen? „Die Peruaner haben ein anderes Zeitgefühl, das gemeinsame Auf- und Abbauen hat nicht so gut geklappt. Aber sie kennen sich besser aus, wenn es um Rhythmen geht“, erzählt Matzeit. Viele der jungen Musiker hatten Poster von europäischen Orchestern im Zimmer. Die Musik sei für sie verbunden mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Karoline Kuhla

Am Dienstag und Mittwoch werden die jungen Musiker aus Deutschland und Bolivien zusammen auftreten, mit traditionellen Kostümen und Instrumenten wie den Bajones, mannshohen Panflöten. 5.11., 19 Uhr in der Aula der Droste-Hülshoff-Schule,Schönower Str. 8, Zehlendorf, 6.11., Georg-Neumann-Saal, Universität der Künste, Einsteinufer 43-53.

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