Schule : „Wir müssen für die Reform werben“

Grüne schließen Ansturm auf Gymnasien nicht aus

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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am 1. März startet die Anmeldefrist für Gymnasien und Sekundarschulen. Die Grünen wollten die Gemeinschaftsschule, haben sich dann aber doch für die Zweigliedrigkeit stark gemacht. Wieso?

Wir haben die Gemeinschaftsschule nicht aufgegeben, haben aber eingesehen, dass das Gymnasium nicht einfach per Parlamentsbeschluss abzuschaffen ist. Gleichzeitig wollten wir nicht weiter zusehen, wie Jahr für Jahr junge Menschen auf der Hauptschule stigmatisiert werden. Da musste eine pragmatische Lösung her. Deshalb haben wir bereits im März 2007 einen Antrag zur Prüfung der Zweigliedrigkeit für Berlin im Parlament eingebracht.

Obwohl ihr Antrag die Entwicklung auf den Weg gebracht hat, haben die Grünen der Reform dann nicht zugestimmt.

Wir haben uns enthalten, weil für uns Fragen wie Ganztagsbetreuung, Ausstattung und Einbeziehung der Schüler mit Behinderung ungeklärt sind und weil das Probejahr und das Sitzenbleiben an Gymnasien als Selektionsinstrumente beibehalten werden. Damit wird die Sekundarschule klar benachteiligt.

Die Gymnasien beteuern, dass es ihrer Qualität schaden würde, jeden Schüler mitnehmen zu müssen, der einmal aufgenommen wurde.

Richtig. Das würde die Gymnasien vor unlösbare Aufgaben stellen, denn sie sind nicht auf individuelle Förderung ausgerichtet. Deshalb sind wir auch für eine Reform der Gymnasien, damit dort individuelle Förderung praktiziert werden kann und sich die Unterrichtskultur ändert. Ich meine auch, dass ein Ganztagsgymnasium pro Bezirk zu wenig ist. Hier muss der Senat nachsteuern.

Sie wollen statt Sitzenbleiben und Probejahr lieber schon vorher filtern und nur geeignete Schüler zulassen. Zöllner hat das abgelehnt, weil dabei Ungerechtigkeiten entstehen.

Es kommt darauf an wie man es macht. Wir schlagen vor, dass es durch eine Grundschulförderprognose ersetzt wird und es im ersten Halbjahr der fünften Klassen verpflichtende Elterngespräche gibt, in denen eine Prognose abgegeben wird. Wenn die Grundschulförderprognose nicht Gymnasium, also kurzer Abiturweg, lautet, gibt es Bildungsvereinbarungen zwischen Schule und Eltern, und beide haben eineinhalb Jahre Zeit, das Kind zu diesem Ziel zu bringen. Wenn das nicht klappt und die Eltern trotzdem das Gymnasium wollen, gibt es einen Probeunterricht als zweite Chance. Ein Probejahr braucht man dann nicht mehr.

Manche Eltern befürchten, dass ihre Kinder in den Sekundarschulen von Hauptschülern überrumpelt werden. Deshalb wird ein Sturm auf die Gymnasien erwartet.

Das kann passieren. Vor allem in diesem und nächstem Jahr. Deshalb muss der Senat Vertrauen schaffen und für die Vorteile der Sekundarschule werben, schließlich führen beide Schultypen zum Abitur. Da muss eine professionelle PR-Agentur her. Parallel dazu muss es eine Fortbildungsoffensive geben. Denn individuelle Förderung kann nicht per Parlamentsbeschluss verordnet werden.

Das Interview führte S. Vieth-Entus.

Özcan Mutlu, 42, ist seit 1999 bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. Vorher arbeitete er als Nachrichtentechniker. Mutlu lebt seit 1973 in Kreuzberg.

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