Wirtschaft und Schule : Schüler als Jung-Unternehmer: Geschäftsidee im Unterricht

Wie funktioniert Wirtschaft? Der Verein NFTE will Schülern Unternehmergeist vermitteln und bildet Lehrer aus. Eine Gymnasiastin aus Zehlendorf überzeugte mit ihrer Geschäftsidee eine europäische Jury und gewann – mit Babymützchen.

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Frisch gehäkelt. Anna Sylvester gewann beim Europa-Wettbewerb.
Frisch gehäkelt. Anna Sylvester gewann beim Europa-Wettbewerb.Foto: promo

Die fünf Schüler haben sich mit Rosen bedruckte Luftschlangen um den Hals gelegt. Dominik, Jim, Kay, Steven und Jordan sind die „Romantik-Gruppe“. „Meine Herren“, ruft ihre Lehrerin Christiane Franke. Die Neuntklässler der Theodor-Haubach-Schule in Lichtenrade sind an der Reihe, ihren Geschäftsplan zu präsentieren. Dafür haben sie eine Art Marktstand auf zwei zusammengeschobenen Tischen vorbereitet: Mit Blumen bedruckte Grußkarten, Prospekte für romantische Urlaube und eine einzelne Rose liegen aus. Ihre Firma heiße „Retter in letzter Sekunde“, sagt Dominik. Kay erklärt das Konzept: ein Geschenkeservice für Männer, die nicht wissen, was sie ihren Frauen schenken sollen.

Nach der Präsentation sagt Christiane Franke: „Der Name ist super. Die Firmenidee ist ganz klasse. Ihr wart nur noch zu schnell.“ Doch schließlich ist es das erste Mal, dass der Kurs sich an die Präsentationen wagt. Seit Beginn des Schuljahres sind die Schüler dabei, sich anhand methodischer Übungen die Funktionsweise der Wirtschaft anzueignen: Es geht um Märkte, Zielgruppen, Preiskalkulationen, Marketing.

Christiane Franke ist eine von derzeit 43 sogenannten NFTE-Lehrern in Berlin. NFTE steht für „Network for Teaching Entrepreneurship“ und wird „Nifti“ ausgesprochen. Der gemeinnützige Verein, der dahinter steht, möchte Unternehmergeist an Schüler im Alter von 13 bis 20 Jahren vermitteln – und ihnen damit ihre eigenen Stärken näherbringen und Selbstbewusstsein geben. Letztlich sollen sie erkennen: Ich kann mein Leben selbst in die Hand nehmen.

In den USA ist der Unterricht in Unternehmertum ein bewährtes Erfolgs-Konzept, seit NFTE dort 1987 gegründet wurde. Inzwischen wird es weltweit in elf Ländern angewandt. In Deutschland gibt es rund 1200 ausgebildete NFTE- Lehrer in 13 Bundesländern. In einigen erhält der Verein Mittel aus dem Landeshaushalt – in Berlin ist es noch nicht so weit, obwohl der Verein hier seit dem Beginn vor zehn Jahren seinen Sitz hat. Jetzt stehen neue Gespräche mit der Schulverwaltung an. Der Verein hofft auf Unterstützung dabei, das Programm bekannt zu machen und auf finanzielle Hilfen. Im März gibt es eine dreitägige Lehrer-Fortbildung in Berlin. Die Mittel dafür hat der Verein als Modellprojekt für eine Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie bekommen.

Im NFTE-Kurs der Theodor-Haubach- Schule ist nach der „Romantik-Gruppe“ die „Kinder-Gruppe“ an der Reihe. Ihr Vorhaben: Sie wollen Kindergeburtstage ausrichten. Mit Blick auf die Jahresabschluss-Präsentation sagt Christiane Franke hinterher: „Diese Ideen könnt ihr für die Präsentation bei mir anmelden. Es ist wie in der Wirtschaft auch: Wer die Idee bei mir eingereicht hat, ist damit geschützt. Habt ihr sie nicht geschützt, kann ein anderer es nachmachen.“

Am Ende des Jahres muss jeder Schüler eine eigene Firmenidee samt Geschäftsplan entwickelt haben. Franke hat vieles gesehen, sei es der aus Alu-Felgen recycelte Grill oder das per ausgeklügeltem Reißverschluss-System wandelbare Kleid. Die Präsentation halten die Schüler am Ende vor einer regionalen Wirtschaftsjury an ihrer Schule. In Berlin gehören unter anderen die Fritz-Karsen-Schule in Britz und die Röntgen-Schule in Neukölln schon seit Jahren dazu. „Dazu gibt es ein kaltes Buffet, es wird entsprechende Kleidung getragen“, erläutert Christiane Franke den Rahmen.

Für Anna Sylvester ist das inzwischen ein gewohntes Szenario. Die 16-jährige Schülerin vom Schadow-Gymnasium in Zehlendorf sagt: „Beim ersten Mal war ich unglaublich aufgeregt.“ Als sie dann mit ihrer Geschäftsidee für selbstgehäkelte Babymützchen aus nachhaltiger Wolle auf dem NFTE-Bundeswettbewerb war, war die Aufregung einer Spannung gewichen. Und als sie auf der europäischen Auswahl in Wien den Hauptpreis ergatterte, war von Nervosität nicht mehr viel zu spüren. „Da wusste ich ja schon, dass ich gut kommunizieren und mein Produkt gut vermarkten kann“, sagt sie. Die wichtigste Lektion, die sie gelernt habe: „Weitermachen. Auch wenn es mal zwischendurch nicht so gut aussieht – es lohnt sich.“

Connie Hasenclever ist von Anfang an bei NFTE Deutschland als pädagogische Leiterin dabei. Sie hat etliche Schüler gesehen, für die der Kurs zur Motivation geworden ist, die Schule zu Ende zu bringen. „Viele haben sonst keine Perspektive und keine Ziele“, sagt sie – und sie weiß wie Jugendliche ticken, nach 30 Jahren als Lehrerin an verschiedenen Schulen, als Schulgründerin und ehemalige Internatsleiterin.

Christiane Franke gibt seit 2005 jedes Jahr einen NFTE-Kurs für ihre Neuntklässler. Sie verstehe sich dabei weniger als Lehrerin, denn als „Moderatorin“, sagt sie. Wenn es um Verbesserungsvorschläge für die Vorträge geht, sollen auch die Mitschüler Kritik üben. „Einander liebevoll die Meinung sagen“, nennt das Franke – erst kommt das Lob, dann die Kritik. So würden sich im Kurs jetzt auch Schüler zu Wort melden, die sich sonst nie trauen, vor den anderen zu sprechen. Dominik aus der Romantik-Gruppe sagt: „Ich bin viel sicherer geworden bei den Vorträgen.“ Timo, der sich nach dem Unterricht ganz von allein einen Besen geschnappt hat und die letzten Deko-Reste auf dem Boden zusammenkehrt, ergänzt: „Das liegt auch an der Gruppe. Man wird nicht ausgelacht.“ Jetzt trauen sie sich so einiges zu.

DIE DEBATTE

Seit ein paar Wochen wird diskutiert: Lernen Schüler genügend über lebenspraktische und ökonomische Vorgänge? Auslöser der Debatte war ein Tweet einer Schülerin, in dem sie realitätsfernen Unterricht kritisierte. Einige Verbände fordern ein Fach Ökonomie, manche Lehrer warnen aber auch vor Einflussnahme durch Unternehmen.

DER VEREIN NFTE

Seit mehr als zehn Jahren gibt es den Verein NFTE (Network For Teaching Entrepreneurship), in Berlin gibt es an rund 20 Schulen Kurse. Vom 12. bis zum 14. März findet eine NFTE-Fortbildung für Lehrer in Berlin statt. Infos und Anmeldungen an Koordinatorin Kyra Prehn: kprehn@nfte.de. ffe

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