Wissenschaftsrat : Aus Routine wird Erstarrung

Wissenschaftler, die nur lehren oder nur forschen, schaden der Universität.

Thomas Mergel

Der Wissenschaftsrat fordert mehr als eine Milliarde Euro für die Verbesserung der universitären Ausbildung. Das Geld soll im Wesentlichen der Einrichtung von Professuren und Lectureships dienen, die bis zu 14 Stunden lehren sollen. Das hört sich auf den ersten Blick gut an. Bei genauerem Hinsehen freilich verfinstert sich derselbe. Ohne Zweifel: Bessere Lehre kommt zunächst durch bessere Betreuungsverhältnisse zustande. Um vierzig Studierende kann man sich weniger gut kümmern als um zehn.

Wenn aber ein Lehrender kein eigenes Forschungsinteresse hat, dann haben es die Studierenden über kurz oder lang mit einem Routineanbieter von Wissen anstatt einem Vermittler von Wissenschaft zu tun (und dass es an der Universität um Wissenschaft geht, diesen Anspruch haben meine Kollegen und ich trotz „Bologna“ noch nicht aufgegeben). Wir haben ja Erfahrungen mit Leuten, die hauptsächlich für die Lehre zuständig sind und nicht forschen.

In manchen Universitäten gibt es sie sogar noch, die Akademischen Räte. Sie lehren acht bis zwölf Stunden und besorgen vor allem die zeitaufwendigen Einführungen, Proseminare und Übungen. Mit guten Gründen hat man diese Stellen abgebaut, weil sie sich als Karrieresackgassen erwiesen haben. Bei so hoher Lehrbelastung blieb kein Raum, sich weiterzuqualifizieren, und die Räte blieben in den allermeisten Fällen auf ihrer Stelle kleben. Wenn aber jemand mit 65 noch dieselben Proseminare anbieten muss wie mit 35, dann ist er zu Recht frustriert.

Natürlich: Die Lehre wird in Deutschland zu gering geschätzt. Aber wir reden eben nicht von der Schule, sondern von der Hochschule. Hier geht es darum, ständig neues Wissen zu schaffen – durch Forschung. Zu Recht sucht man in den angelsächsischen Ländern nach Vorbildern für die eigenen Reformen. Dann sollte man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass dort die Lehrbelastung meist deutlich geringer ist. So bleibt den akademischen Lehrern Zeit für zwei wichtige Dinge: die Betreuung der Studierenden und die eigene Forschung.

Das Problem gibt es übrigens auch in umgekehrter Hinsicht: Immer häufiger wird gefordert, Spitzenforscher von der Lehre möglichst freizustellen, damit sie sich ganz ihrer Spitzenforschung widmen können. Zweifellos ist auch hier mehr Flexibilität vonnöten. Es spricht auch nichts dagegen, das Lehrdeputat zu reduzieren. Sollen Wissenschaftler sich aber wirklich ganz von der Lehre dispensieren oder nur mehr mit Doktoranden arbeiten, die ja dann von anderen ausgebildet wurden? Damit würden sie sich von den Fragen abschneiden, aus denen irgendwann eine Forschung wird. Die interessantesten Fragen kommen eben meist nicht von den Wissenschaftlern selbst, sondern von den Studenten, die zu Recht wissen wollen, wofür diese Arbeit nun eigentlich gut sei. Diese Stimmen weiterhin zu hören und auf sie einzugehen kann für eine kreative Forschung nur gut sein. Professoren, die nur forschen, werden am Ende genau solche Routinewissenschaftler werden wie Professoren, die nur lehren.

Die derzeitigen Probleme mit der akademischen Lehre haben auch mit einer schleichenden Umstellung zu tun, die die Wissenschaftsfinanzierung in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Sie geht nämlich zunehmend weg vom Normaletat und hin zu den Drittmitteln. Planstellen nehmen ab, stattdessen müssen Stellen für Forschungsprojekte – nicht für die Lehre – temporär beantragt werden. Anstelle des Gießkannenprinzips soll die Frage der Qualität stärker ins Spiel kommen – zu Recht.

Die Umstellung trifft aber besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs, der eigentlich für die Grundausbildung der Studierenden sorgt. Er ist inzwischen zu einem großen Teil auf Stipendien angewiesen oder in Forschungsprojekten beschäftigt. In der Universität und den Forschungsinstituten arbeiten heute mehr junge Forscherinnen und Forscher als je zuvor, und viele sind exzellent. Aber weniger denn je werden für Lehre und Forschung bezahlt, sondern allein für ihre Forschungstätigkeit. Auch wenn man sie zur Lehre heranziehen kann (woran sie häufig selbst ein Interesse haben), können sie sich nicht so engagieren wie die Mitarbeiter auf Planstellen. Ihre Projekte sind meist nur für zwei oder drei Jahre genehmigt. In dieser Zeit müssen sie damit fertig werden. Das bedeutet: Die Umstellung auf Drittmittelförderung dient der Forschung und schadet der Lehre.

Richtig wäre es, die drittmittelfinanzierten Forscherinnen und Forscher stärker für die Lehre heranzuziehen. Sie sind fachlich exzellent qualifiziert und bringen aus ihrer Forschung frische Perspektiven ein. Eine kontinuierliche Lehrtätigkeit würde freilich bedeuten, dass man ihnen die Zeit gibt, dennoch ihre Forschungsarbeit zu erledigen: Statt zwei oder drei Jahre müssten die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die großen Stiftungen ihre Projekte dann für vier oder fünf Jahre fördern.

Im Gegenzug für eine solche systematische Einbindung des Nachwuchses in die Lehre aber – ohne dies funktioniert es nicht – sollten die jungen Forscher eine längerfristige berufliche Perspektive erhalten. Dann könnte man die Milliarde des Wissenschaftsrats auch für Professuren ausgeben, bei denen ebenfalls geforscht und gelehrt wird.

Der Autor ist Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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