Schule : Wo Jungs sich die Hörner abstoßen können

Mit Pickups, Sportwagen und Minivans hat sich Dodge in den USA etabliert – mit dem Kompaktwagen Caliber soll nun Europa folgen

Stefan Jacobs

„War das da auf der linken Spur da gerade ein, äh, na sag schon, ein, äh, Dings?“ Interessierte Mitfahrer vorausgesetzt, hat fröhliches Markenraten schon manch lange Autofahrt verkürzt. Jetzt ist eine ganz neue Herausforderung in Sicht. Sie trägt ein Fadenkreuz auf dem mächtigen Kühlergrill. Sie ist zu hochbeinig für einen klassischen Kompakten und zu flach für einen Geländewagen. Eher breitschultrig als elegant, wie ein japanisches Produkt nach Bodybuilding. Die Herausforderung heißt: Dodge. Dodge Caliber, Betonung auf dem A, denn das Auto kommt aus Amerika. Mit ihm will die mehr als 100 Jahre alte Marke Europa erobern – und zwar ausgerechnet den besonders hart umkämpften der praktischen Autos für knapp 20 000 Euro.

Es ist mit Dodge also ein bisschen wie mit Friedbert Pflüger von der CDU: Beide sind schon lange im Geschäft, aber weil sie kaum jemand kennt, stürmen sie jetzt umso mutiger voran. Pflüger sagt allen, er wolle Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Die Dodge-Werbetexter erklären, mit dem Caliber werde „das Kompakt-Fahrzeug neu definiert“. Und so, wie die CDU-Leute wissen, dass sie in den Umfragen bei 24 Prozent festgefroren sind, reden sie bei Dodge im Zwiegespräch lediglich von einer Nische, die es zu besetzen gilt. Vor der heute beginnenden Automesse AMI in Leipzig bot sich Gelegenheit für einen ersten Eindruck, wie die Chancen stehen.

Von außen wirkt der Caliber mit seiner großen Fadenkreuznase und der hoch gezogenen Fensterlinie beinahe aggressiv. „Grab life by the horns“, lautet der Slogan der Marke mit dem Widderkopf. Man packt das Leben gerne bei den Hörnern, wenn sie aus so solidem Kunststoff sind wie die Türgriffe des Caliber. Er soll ein Auto für junge Leute sein. Da geht es in Ordnung, dass die schwarzen Klinken ebenso wie die Kunststoffleiste entlang der Dachkante eher nach Campingurlaub als nach Boulevard aussehen. Alles in allem scheint das Design eher für Jungs gemacht – was für Dodge ohnehin seit Jahrzehnten gilt: In den USA hat die Marke große Erfolge mit Muskelautos für die Rennstrecke gefeiert, und die Serienautos wurden bisher aus gutem Grund nicht nach Europa importiert.

Nicht der schauklige Monaco, dessen ausrangierte Polizei-Version die Blues-Brothers im Film fuhren. Nicht die moderne Limousine Intrepid mit ihrer extrem flach stehenden Front- und Heckscheibe. Und erst recht nicht der US-Verkaufsschlager Ram. Auf die Ladefläche dieses Pickups mag zwar eine ganze Widderfamilie passen, aber sein Design mit Stoßstangen auf Hüfthöhe und einer Art Schrankwand aus Chrom zwischen den Scheinwerfern legt nicht nur Rückschlüsse auf die Trinkgewohnheiten des Autos nahe, sondern auch auf den Charakter seines Besitzers.

Dann gibt es bei Dodge noch die mit 506 PS extrem giftige Viper, die – früher als Chrysler – auch in Europa verkauft wird. Die Viper sitzt ebenfalls in einer Nische. Dort wartet sie auf Menschen, die sich nach Zahlung von 107 000 Euro daran erfreuen, wie der brabbelnde 8,3-Liter-Zehnzylinder sie schon im Stand sachte schüttelt und über den Lüftungsschlitzen der Motorhaube die Luft flimmert. Wer nicht vor Schreck das Hochschalten vergisst, den bringt die Viper in knapp vier Sekunden auf Tempo 100 und bei einem Druck aufs Bremspedal in derselben Zeit wieder auf null. Ächz. Und wer in Kurven zu munter beschleunigt oder vergisst, dass das Lenkrad nur etwa zweieinhalb Umdrehungen von ganz links nach ganz rechts braucht, den wirft sie von der Straße. Greife das Leben bei den Hörnern – und halt es fest!

Nur der Dodge Caravan, der als Chrysler Voyager auf unseren Straßen fährt, war schon immer ein friedlicher Geselle. Mit dem Caliber kommt ein ebensolcher hinzu. Das gilt erst recht für den Innenraum: klar sortierte Instrumente, alles liegt gut zur Hand und ist schnell zu überblicken. Weil der Verkauf erst im Juni beginnt, hat Dodge ein Vorserien-Exemplar mitgebracht, dem man manchen Verarbeitungsmangel verzeihen muss.

Aber der Eindruck, dass am Material eisern gespart wurde, wird sich allein mit besser eingepassten Kunststoffteilen nicht vertreiben lassen. Die Oberflächen – zwei helle Grautöne plus Alu-Imitat – sind ebenso unangenehm hart wie der Lenkradkranz. Die Ledersitze entfalten ihre Wirkung nur eingeschränkt, weil sie von Plastikkopfstützen nach Art der alten Polizei- Bullys gekrönt werden. Die Metallstifte der Türverriegelung (lange nicht mehr gesehen!) könnten einen Blendenring vertragen, statt in zu großen Bohrlöchern zu schlackern. Der Metallhaken für den Handschuhfachdeckel wirkt wie selbst gebastelt, und die inneren Türöffner sehen aus, als wollten sie sofort nach Ablauf der (erfreulicherweise vierjährigen) Garantiezeit abbrechen.

Der Kofferraum ist nicht hoch, aber tief, und lässt sich dank geteilter Rückbank und des umlegbaren Beifahrersitzes locker erweitern. Dennoch soll vor dem Serienstart ein Wunschzettel bei Dodge hinterlassen werden: eine Heckklappe, an der sich auch Menschen über 1,80 Meter nicht den Kopf stoßen und ein Gepäckraumrollo, das die Ränder des Ladeabteils abdeckt und beim Zurückschnellen niemanden hinter sich her reißt.

Wie er fährt, lässt sich nach einer ersten Proberunde kaum beurteilen. Der zwei Liter große 140-PS-Diesel brummt, wie er auch bei VW brummt, wo Dodge den Motor eingekauft hat: also stets hörbar, aber unaufdringlich. Zum Serienstart kommen drei Benziner hinzu, die mit 150 bis 172 PS recht kräftig sein dürften. Einen davon wird es mit Automatik geben, sonst wird ganz unamerikanisch per Hand geschaltet. Auch die Federung des im US-Staat Illinois gebauten Caliber ist europäisch straff. In Kurven bieten die Sitze wenig Seitenhalt, beim Blick nach schräg hinten ist man angesichts dicker Dachsäulen über die großen Außenspiegel froh. Beim Einparken ist in allen Richtungen Vorsicht angebracht, zumal der Caliber gar nicht so kompakt ist, wie die Marketingabteilung tut: mit 4,41 Meter Länge und 1,79 Meter Breite liegt er näher am 3er BMW als am Golf.

Fragt man bei Dodge, mit welchen Highlights sich der Caliber seine Nische erobern soll, wird auf dreierlei verwiesen: das gekühlte Handschuhfach (das es beim Peugeot 307 allerdings schon seit fünf Jahren gibt, zumal dort auch eine große Cola-Flasche reinpasst), die als Taschenlampe verwendbare Deckenleuchte und die ausklappbaren Lautsprecher in der Heckklappe. Klappe auf, Boxen raus – dann haben alle was davon. Das gibt’s sonst nur bei MTV, wo in der Sendung „Pimp my ride“ die abgewirtschafteten Autos von 18-Jährigen auf Vordermann gebracht und mit derlei Extras versehen werden. Es ist eine Jungs-Sendung. Und Dodge hat mit dem Caliber ein weiteres Jungs-Auto gebaut. Eines auch für jene, die sich die Hörner noch nicht abgestoßen haben.

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