Wolfgang Schäuble : "Wie viele andere hatte ich Angst"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat der Grundschülerin Christina seine Erinnerungen geschrieben.

Liebe Christina,

Der Brief des Bundesfinanzministers in der Ausstellung.
Der Brief des Bundesfinanzministers in der Ausstellung.Foto: Thilo Rückeis


vielen Dank für Deinen Brief vom 9. März 2011, in dem Du mich um die Schilderung meiner Eindrücke vom Mauerbau am 13. August 1961 für den Religionsunterricht Deiner Grundschule bittest.
Als die Berliner Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde, war ich 18 Jahre alt und hatte gerade im März 1961 mein Abitur abgelegt. Mit meinen Mitschülern bin ich zuvor im Rahmen der Abschlussfahrt meines Abiturjahrgans nach Berlin gefahren. Zu diesem Zeitpunkt waren Ost- und Westberlin noch nicht durch eine Mauer geteilt. Es war für mich unvorstellbar, dass einer Stadt jemals dieses Schicksal zuteil werden könnte. Als Monate später tatsächlich eine Mauer durch Berlin gebaut wurde, verfolgte ich die Entwicklungen besorgt in Rundfunk und Fernsehen. Wie viele andere Menschen hatte ich Angst, dass es in Deutschland wieder zu einem Krieg kommen könnte. Bereits die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik am 17. Juni 1953 sowie der Volksaufstand 1956 in Ungarn waren Ereignisse, die mich beunruhigten, weil deren politische Auswirkungen ungewiss waren.
Sowohl die Niederschlagung der Aufstände als auch der Bau der Mauer waren Ausdruck des Versuchs, den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung der damals in der DDR und den anderen Ostblockstaaten lebenden Menschen dauerhaft zu unterbinden. Die DDR-Regierung vermochte es nicht, die Ausreisewilligen mit Worten von ihrer Politik zu überzeugen. Mit dem Fall des Mauerwerks am 9. November 1989 bewahrheitete sich, dass der Drang der Menschen nach Freiheit nicht auf Dauer durch Mauern aufgehalten werden kann.
Mit freundlichen Grüßen,
Dein Wolfgang Schäuble

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