ZEITZEUGENBÖRSE : Der älteste Zeuge ist 92 Jahre alt und berichtet aus dem Gulag

AUS ERSTER HAND

Zeitgeschichte aus erster Hand, selbst erlebt und persönlich berichtet – das fesselt Schüler weitaus stärker und weckt mehr Interesse an Geschichte als der übliche Unterricht. Doch wie finden Lehrer und Schüler qualifizierte Zeitzeugen, die gerne in die Schule kommen und fähig sind, Erlebnisse und Erfahrungen verständlich und fundiert zu erzählen? Am besten hilft dabei in Berlin die „Zeitzeugenbörse“, ein gemeinnütziger Verein an der Ackerstraße in Mitte mit einer umfangreichen Adressenkartei. Rund 170 qualifizierte Zeitzeugen sind darin registriert, die regelmäßig vor Schülern und bei verschiedenen Veranstaltungen ihre Geschichte erzählen.

VIELFÄLTIGE THEMEN

Zu diesen gehören nicht nur ältere Berliner, die über Katastrophen wie die Judenverfolgung oder große Ereignisse wie den Mauerfall oder die Luftbrücke berichten, sondern auch Zeugen, die den Alltag von anno dazumal schildern. Wie lebten und lernten Jugendliche in der Weimarer Republik, im Dritten Reich oder in der DDR und West-Berlin? Wie kaufte man in den Fünfzigern in Ost- und WestBerlin ein, welche Urlaubsträume hatten die Menschen?

EHRENAMTLICH UNTERWEGS

Etwa zwei Drittel der Zeitzeugen sind aus dem Westen der Stadt, die anderen leben im Ostteil. Frauen und Männer sind jeweils zur Hälfte vertreten, der älteste Zeuge ist schon 92 Jahre alt und berichtet über seine Erfahrungen im sowjetischen Lagersystem, im Gulag. Alle engagieren sich ehrenamtlich, erhalten aber „auf andere Art und Weise ihren Lohn“, sagt die Vorsitzende des Vereines, Eva Geffers. „Es macht ihnen Freude, die Vielfalt persönlicher Erfahrungen, die jeder in sich trägt, zu sammeln und an Schüler weiterzugeben.“

SERIOSITÄT WIRD GEPRÜFT

Vor der Vermittlung müssen die Zeitzeugen Qualifikation nachweisen. Bei Gesprächen versucht der Verein herauszufinden, ob der Zeuge die Erfahrungen tatsächlich selbst gemacht hat, und ob die Erinnerungen ideologisch gefärbt sind. Auch sollte der Zeitzeuge ein „offener, kommunikationsfähiger Mensch“ sein. cs

ZeitZeugenBörse e.V., Ackerstraße 13, Tel.: 44046378, www.zeitzeugenboerse.de. Lehrer können bei der Börse auch Zeitzeugenbriefe abonnieren und andere Publikationen beziehen.

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