Berlin : Schulen in Ost-Berlin: "Lehrer haben das Recht auf Freiräume"

Vor über einem Jahr hat die Ost-West-Arbeitsg

Klaus Böger. Der Sozialdemokrat ist seit 1999 Schulsenator. Er arbeitete früher als Fachbereichsleiter für Politik beim Lette-Verein in Schöneberg.

Vor über einem Jahr hat die Ost-West-Arbeitsgruppe Ihnen eine Liste übergeben mit Beispielen für anti-westliche, SED-lastige Verhaltensweisen in Ost-Berliner Schulkollegien. Warum haben Sie nicht reagiert?

Wir haben reagiert. Überall dort, wo es konkrete Fälle gibt, greifen wir ein. Mit bürokratisch-administrativen Maßnahmen kann man aber keine Prozesse der Verhaltensänderung in Gang setzen. Wie jemand zu denken oder zu handeln hat, lässt sich zum Glück nicht von oben verordnen. Bei meinen Schulbesuchen habe ich nicht den Eindruck gehabt, dass es eine Rückzugsmentalität gibt. Ich appelliere aber an die Schulleiter, Gespräche in den Kollegien zu führen.

Muss man den verbreiteten Anti-Amerikanismus hinnehmen?

Anti-Amerikanismus ist fehl am Platz. Das sage ich auch aus großer persönlicher Überzeugung. Kritik an der Politik der USA ist selbstverständlich zulässig. Im Unterricht kommt es aber darauf an, dass Schüler nicht einseitig beeinflusst werden.

Lehrer in Ost-Bezirken erzählen, dass viele Kollegen auch im Unterricht die DDR verklären und "den Westen" immer noch als etwas Feindlich-Fremdes darstellen.

Es gibt unterschiedliche Bewusstseinslagen, die man aber nicht dramatisieren darf. Zum einen wächst jetzt eine neue Lehrergeneration nach. Zum anderen haben sich auch viele Lehrer fortgebildet.

Aber das reicht anscheinend nicht, um den Mainstream zu ändern. Sollte man nicht eine stärkere Ost-West-Mischung anstreben?

Das wäre sinnvoll, aber ich habe leider keine dienstrechtlichen Möglichkeiten für Versetzungen mit diesem Ziel.

Das Gehalt für Ost-Beamte liegt nur bei 88,5 Prozent. Viele Lehrer sagen, dass dadurch die Mecker-Mentalität verstärkt wird.

Die Anpassung der Beamtengehälter ist Bundesangelegenheit. Als Land können wir das leider nicht ändern. Aber wir sollten diesen Punkt auch nicht überbewerten, wenn wir über die mangelnde Identifikation mit der Bundesrepublik sprechen, die es bei Einzelnen gibt. Es ist doch ganz einfach so, dass man Haltungen aus einem halben Leben nicht so schnell ablegen kann.

Aber diese Haltungen werden an die Schüler weitergegeben.

Das Problem bestreite ich nicht. Ich warne aber vor Pauschalurteilen und Diskriminierungen. Lehrer haben zu Recht Freiräume. Gemeinsame Grundlage sind die Prinzipien unserer Verfassung. Wir können aber Angebote machen. Ein Beispiel war unser Rundschreiben zum 40. Jahrestag des Mauerbaus. Wir wollen auch mit der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen Material erarbeiten.

Was sollen denn nun aber Lehrer machen, die in den Kollegien isoliert oder gemobbt werden, weil sie die DDR-Nostalgie nicht teilen. Wollen Sie denen irgendwie helfen?

Ja. Das oberste Prinzip ist Offenlegung und eine kritische Öffentlichkeit. Wo es fassbar ist, werde ich disziplinarrechtlich eingreifen.

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