Berlin : Schulen profitieren kaum

Der Senat beschließt längere Arbeitszeiten – doch die Mehrarbeit der Lehrer versickert

Susanne Vieth–Entus

Der Senat hat am gestrigen Dienstag beschlossen, die Arbeitszeit für Beamte und Lehrer ab sofort um zwei Stunden pro Woche zu erhöhen. Während der Bürger sich erstmal freut über möglicherweise mehr Sicherheit auf der Straße oder weniger Unterrichtsausfall in der Schule, zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass man sich nicht zu viele Hoffnungen machen sollte. Denn die Realität sieht anders aus: Die Personalüberschüsse werden sehr bald von der anstehenden Pensionierungswelle hinweggespült. Zudem gibt es organisatorische Probleme.

Insbesondere in den Schulen ist noch völlig unklar, was sie mit den plötzlichen Stellenüberhängen machen sollen. Und keiner weiß genau, wie hoch diese Überhänge überhaupt sein werden. Die Sache ist kompliziert. Fest steht nur, dass es vorübergehend ein größeres Polster für Vertretungsstunden geben wird, und das wird viele Eltern freuen.

Um mit einem Beispiel zu beginnen: An der Fritz-Karsen-Gesamtschule unterrichten 100 Lehrer, davon rund 30 in der Grundstufe. Hier müssen die Lehrer nur eine halbe Stunde mehr unterrichten, während ab Klasse 7 zwei Stunden hinzukommen. Theoretisch hätte der Schulleiter also 70 mal zwei Stunden zusätzlich zu Verfügung: 140 Stunden entsprechen rund sechs Stellen. Damit könnte man schon was anfangen. Ist aber nicht so. Denn ein Teil des Überhangs wird gleich dadurch getilgt, dass Arbeitszeitkonten aus früheren Jahren „abgeräumt“ werden. Zudem sind rund ein Viertel der KarsenLehrer Teilzeitkräfte. Hier kommt es auf die Verträge an, ob die Stundenzahl automatisch aufgestockt wird oder ob es bei der niedrigen Stundenzahl bleibt und dafür das Gehalt absinkt. Somit kann Karsen-Leiter Lothar Sack noch nicht sagen, welchen Spielraum er haben wird.

„Erstmal sieht es aus wie ein warmer Regen, aber das ist nicht so“, dämpft Sack auch Hoffnungen auf kleinere Klassen. Denn es macht keinen Sinn, Klassen zu teilen, wenn sie bei der ersten Pensionierung wieder zusammengelegt werden müssen. Denn sobald ein Lehrer in den Ruhestand geht, müssen die anderen seine Stunden übernehmen. So schmilzt die Überausstattung ruck, zuck!

Berlinweit gilt: Durch die Mehrarbeit entstehen auf dem Papier 1400 Stellen, aber schon in 2003 gehen über 1200 Lehrer in den Ruhestand, die nicht durch junge Leute ersetzt werden. Viele Schulen können also nur kurzfristig zusätzliche Arbeitsgemeinschaften oder Förderstunden anbieten, weil der Überhang schnell abgebaut sein wird.

Die Senatsbildungsverwaltung will den Schulen demnächst mitteilen, wie sie im Einzelnen mit ihrem vorübergehenden Personalüberschuss umgehen sollen. Generell gilt, dass an Grund-, Haupt und Realschulen die Lehrer eine halbe Stunde mehr unterrichten müssen und an Gymnasien, Berufs- sowie Gesamtschulen zwei Stunden. Die Lehrer vom Französischen Gymnasium und der John-F.-Kennedy-Schule sollten ursprünglich vier Stunden mehr unterrichten und damit trotz ihrer zusätzlichen Aufgaben auf dasselbe Kontingent wie „normale“ Schulen angehoben werden. Dagegen gibt es aber offenbar Proteste von Seiten der betroffenen Botschaften, die Mitspracherechte haben.

Ganz andere Problem gibt es bei der Polizei. Aufgrund der Besonderheiten des Wechselschichtdienstes führe nach Ansicht der Polizei-Gewerkschaft die Verlängerung der Arbeitszeit auf 42 Stunden zu einer Mindestanwesenheitszeit von 45 Stunden. Bei einem Berg von „Millionen Überstunden“ sei dies „unzumutbar“, mahnte gestern die Gewerkschaft.

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