Berlin : Schulen sind keine Festungen

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Von Sabine Beikler

Nach der Bluttat im Erfurter Gutenberg-Gymnasium warnt Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) vor Hysterie. „Bei diesem unglaublichen Vorfall in Thüringen muss offensichtlich vorher schon viel passiert sein. Sonst wäre es wohl nicht zu einem solchen Aggressionsstau gekommen“, sagte Böger. Der Schulsenator, die GEW und der Landesschulbeirat sprachen sich entschieden dagegen aus, Schulen mit Metalldetektoren auszurüsten, um Waffen aufzuspüren. „Schulen sind keine Hochsicherheitstrakte. Sie gehören zu unserem Leben“, so Böger. Eine hundertprozentige Sicherheit könne es nicht geben. Umso wichtiger sei die Gewaltprävention an den Schulen.

Bildungsstaatssekretär Thomas Härtel ist Vorsitzender der Landeskommission gegen Gewalt, die zum Beispiel Präventionstage an Schulen organisiert. Die Landeskommission versteht sich als Multiplikator und versucht, Vereine, die Sportjugend und Anti-Gewalt-Projekte wie das „Kick“ zu vernetzen. 84 000 Euro stehen der Kommission jährlich zur Verfügung. Für Präventionsarbeit einzelner Jugendprojekte sind im Haushalt bis zu zehn Millionen Euro eingestellt.

Seit Jahren werden an über 100 Schulen in Berlin Lehrer als Mediatoren und Schüler als Konfliktlotsen ausgebildet. Ziel der 500 Konfliktlotsen ist es, Gewaltausbrüche schon im Vorfeld zu unterbinden. „Die kleine Gewalt stoppen, um große Gewalt zu verhindern“, sagt ein Konfliktlotse einer Steglitzer Schule. „Kids, die aus der Kälte kommen, brauchen es warm“, lautet die Grundregel für Elisabeth Willkomm, Vorsitzende des Landesschulbeirats. Mit „Friedfertigkeit, Zeit und Geduld“ müsse man auffälligen Schülern begegnen. Willkomm kritisiert, dass im Berliner Schulsystem die Lehrergeneration der 30- bis 40-Jährigen fehle. Ältere Pädagogen hätten in der Regel einen ganz anderen Zugang zu Schülern als ihre jüngeren Kollegen und seien häufig überfordert. Außerdem fehlten in vielen Schulen Arbeitsgruppen, um Stress abbauen zu helfen. „Statt die höchste Stufe der Integralrechnung erreichen zu wollen, sollte man lieber mal eine Stunde Philosophie anbieten.“ Für die Vorsitzende des Landesschulbeirates ist die beste Gewaltprävention ein gutes Schulklima mit viel Kommunikation zwischen Lehrern, Schülern und Eltern. „Demütigungspädagogik“ könnte dagegen fatale Folgen haben. „Das Bloßstellen von einzelnen Schülern an der Tafel vor den Mitschülern ist leider immer noch weit verbreitet als pädagogische Maßnahme.“

Kleinere Klassenfrequenzen und keine Abschaffung der Ermäßigungsstunden für über 55-jährige Pädagogen fordert Dieter Haase, stellvertretender Vorsitzender der GEW in Berlin. Klassen mit mehr als 31 Schülern seien in der Stadt nicht selten. Oft würde den Lehrern zu wenig Respekt vor ihrer Arbeit mit großen Klassen und Problemschülern entgegengebracht werden. „Viele Kollegen machen trotzdem regelmäßig Fortbildungen im Bereich der Gewaltprävention“, sagt Haase. Allerdings müsse die Vernetzung zwischen dem Jugendhilfebereich und der Schule besser werden. Dramatisch sieht Haase die gekürzten Mittel in den Bezirkshaushalten bei der „Hilfe zur Erziehung“ für Eltern von verhaltensauffälligen Kindern.

Das Allheilmittel für die Vorbeugung von Gewalt kennt kein Interessenvertreter. Jeder betont aber, dass Gewalt wie in Erfurt nicht als Einzelfall, sondern als gesellschaftliches Problem begriffen werden muss.

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