Schulessen in Berlin : Wenn die Eltern nicht fürs Essen zahlen

Viele Eltern haben keine Essensverträge abgeschlossen. An der Spreewald-Schule saßen jetzt Kinder vor leeren Tellern. Was können Schulen dann tun?

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Schulessen: Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße und Pesto in der Mensa der Heinrich-Zille-Schule in Waldemarstraße 118, Berlin Kreuzberg
Schulessen: Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße und Pesto in der Mensa der Heinrich-Zille-Schule in Waldemarstraße 118, Berlin...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Da saßen sie dann erst mal vor leeren Tellern: Für rund 40 Kinder der Spreewald-Schule begann das neue Jahr damit, dass sie mit knurrendem Magen zusehen mussten, als ihre Mitschüler ihr Mittagessen verspeisten. Inzwischen bekommen sie Lunchpakete gesponsert, aber das Grundproblem ist ungelöst: Was können Schulen tun, wenn Eltern den Caterer nicht bezahlen oder nicht einmal Essensverträge abschließen?

Diese Frage steht jetzt abermals auf der Agenda der Bildungsverwaltung, weil der Bezirk Tempelhof-Schöneberg nicht länger zusehen wollte, dass der Schulessen-Notfallfonds des Landes zweckentfremdet wird: „Der Fonds ist ausdrücklich nur für temporäre Notlagen und nicht als Dauerlösung gedacht“, begründet Bildungsstadträtin Jutta Kaddatz (CDU) ihre Entscheidung, im neuen Jahr Ernst zu machen mit der Mahnung an die Eltern, dass es ohne Eigenbeitrag keine Schulspeisung geben kann.

Kaddatz’ Entscheidung hat eine lange Vorgeschichte. Seit Jahren schon gibt es an der Spreewald-Schule immer mal wieder Probleme mit Eltern, die nicht für das Schulessen aufkommen können oder wollen. Schon der Vorvorgänger der jetzigen Schulleiterin, Erhard Laube, hatte Mühe, alle Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen.

Kinder saßen weinend vor leeren Tellern

In diesen ersten Jahren der neu gegründeten Ganztagsgrundschulen hatten Schulleiter wie Laube dafür gesorgt, dass der Senat schließlich den genannten Notfallfonds einrichtete – eben damit nie die Situation eintritt, dass Kinder weinend vor leeren Tellern sitzen. Nun ist genau dies passiert, weil die betreffenden Eltern trotz monatelanger Beratungs- und Gesprächsangebote nicht reagiert hatten.

Erfolge gibt es dennoch: „Die Zahl der betroffenen Kinder hat sich von 96 zunächst auf 40 und inzwischen auf rund 20 reduziert“, konnte Kaddatz am Dienstag verkünden. Jetzt hofft sie, dass noch weitere Eltern nachziehen, wenn sie merken, dass der Bezirk Ernst macht mit seiner Ankündigung, nicht mehr den Notfallfonds anzuzapfen. Es handelt sich fast ausschließlich um Familien, die nur einen Euro pro Mahlzeit zahlen müssen, weil sie von Sozialtransfers leben und daher über einen Berlinpass verfügen.

„Man muss die Eltern erziehen, anders geht es nicht“, unterstützt Rolf Hoppe vom Verband der Berlin-Brandenburgischen Caterer das Vorgehen des Bezirks. Er selbst habe mit seinem Betrieb Luna die Erfahrung gemacht, dass manche Eltern nur auf Druck reagieren. Dafür hat Hoppe viel Lehrgeld zahlen müssen: „Zehntausende Euro an Außenständen“ habe Luna früher angehäuft – „eben weil man kein Kind vom Essen ausschließen wollte“. Inzwischen sei ihm klar geworden, dass das nicht funktioniere: „Man darf Eltern gar nicht erst in die Schuldenfalle tappen lassen, sondern muss vorher handeln“, sagt Hoppe. Das bedeutet, dass Eltern bei Luna Vorkasse leisten müssen, wenn sie sich als säumige Zahler erwiesen haben.

Bei weitem nicht alle Eltern schließen Essensverträge ab

Denn Probleme gibt es keineswegs nur an der Spreewald-Schule: Etliche Ganztagsschulen haben Probleme, die Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen. Nach Informationen des Tagesspiegels gibt es mindestens eine Ganztagsgrundschule in Berlin, in der nur ein Drittel der Familien einen Vertrag mit einem Caterer abgeschlossen hat. In anderen Schulen sind es mitunter 50 oder 60 Prozent – und das, obwohl laut Schulgesetz eigentlich alle Kinder in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen bekommen sollen.

Für die schulpolitische Sprecherin der Grünen in Tempelhof-Schöneberg, Martina Zander-Rade, lautet die Konsequenz, dass das Schulessen unentgeltlich ausgegeben werden muss. Dafür solle sich das Bezirksamt beim Senat starkmachen. Einen entsprechenden Antrag haben die Grünen in die Bezirksverordnetenversammlung eingebracht.

Ob Kindeswohlgefährdung vorliegt, ist unklar

„Die Position des Caterers, die Kinder säumiger Eltern nicht umsonst beliefern zu wollen, ist nachvollziehbar. Doch dieser Konflikt darf nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden“, kommentiert Zander-Rade die Ereignisse an der Spreewald-Grundschule. Der Ausschluss vom Essen bedeute für die Kinder nicht nur, bis 16 Uhr hungrig am Unterricht teilnehmen zu müssen, sondern stelle auch eine Demütigung dar.

Unklar ist, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Eltern ihre Kinder mehr als acht Stunden ohne Essen lassen. Dieser Frage wollte die Bildungsverwaltung auf Anfrage nachgehen. Generell dürfte die Finanzierung schon allein deshalb auf der Agenda der Grundschulen bleiben, weil viele der Flüchtlingsfamilien, die zurzeit noch aus dem Notfallfonds das Essen bezahlt bekommen, mittelfristig selbst Verträge mit den Caterern abschließen müssen und dafür zu sorgen haben, dass das Geld von ihren noch einzurichtenden Konten überwiesen wird. Dass dies reibungslos funktionieren wird, erwartet kaum ein Schulleiter.

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