Berlin : Schulgründungen: Keine Lust auf DDR-Pädagogik

Susanne Vieth-Entus

Zwölf Jahre lang tat sich nichts, aber jetzt geht es richtig los: Auf einen Schlag nehmen diese Woche drei evangelische Schulen ihren Betrieb auf. Von dem Gründungsboom profitieren Mitte, Lichtenberg und Pankow. Die Initiative ging von Eltern aus, die unzufrieden mit dem staatlichen Angebot sind. SED-Lastigkeit mancher Lehrer, Mangel an moderner Pädagogik und an christlicher Wertevermittlung - dies sind die Defizite, die die Eltern als Antrieb für ihr Engagement benennen. Über ein Jahr lang haben sie deshalb die Werbetrommel gerührt, renoviert und gerechnet.

In Pankow kommt der harte Kern der Schulgründer aus der Umgebung der Friedenskirche in Niederschönhausen. Einige neu zugezogene "Westler" sind dabei, mehrheitlich aber Ostberliner, die nicht wollten, dass ihre Kinder bei den gleichen Lehrern unterrichtet werden wie sie. "Wenn man aus einer kirchlichen Familie kam, hatte man es schwer in der DDR-Schule", beschreibt Irene Melzer, die das Lichtenberger Projekt ins Rollen brachte, ihre Kindheitserfahrung. Obwohl ihre eigenen Kinder schon erwachsen sind, hat sie keine Mühe gescheut, die neue Schule anzuschieben, "denn es war bitternötig, dass es eine Alternative gibt".

Irene Melzer hat viele Schulen kennengelernt, weil sie als Beauftragte für den evangelischen Religionsunterricht jahrelang in Marzahn, Hellersdorf und Lichtenberg unterwegs war. Sie traf "auf engagierte Lehrer, aber auch auf viel Stagnation". Etliche Familien sahen das ähnlich. "Schließlich wurden die Stimmen immer lauter, und im Herbst 1999 ging ich wegen der neuen Schule zum Bischof", erzählt die Lichtenbergerin.

Mit offener Kritik an den Lehrern im Ost-Teil wollen viele Eltern nicht zitiert werden. Manche befürchten Nachteile für ihre älteren Kinder, die staatliche Schulen besuchen, andere wollen die Schulverwaltung nicht verärgern. Aber hinter vorgehaltener Hand sprechen sie von einem Unterrichtston, "der noch genauso ist, wie wir ihn zu DDR-Zeiten kannten", von Lehrern, "die sich kein bisschen geändert haben". Viele jüngere und reformfreudigere Ost-Kollegen seien leider an West-Schulen geschickt worden, weil sie noch kinderlos und deshalb leichter zu versetzen waren.

Mehr "emotionale Bildung" gewünscht

So gibt es im Ost-Teil noch immer Lehrer, vor denen die Kinder kerzengerade sitzen müssen, beide Hände vor sich auf dem Pult. Wer sich meldet, darf nur den Unterarm heben. "In der Schule ist wenig über die DDR zu erfahren, aber viel DDR zu erleben", zitiert eine Mutter. Sie hat den Satz irgendwo gelesen und fand ihn so treffend, dass sie ihn nicht mehr aus dem Kopf herausbekommt.

"Es gibt wenig frischen pädagogischen Wind", drückt es Anne Bresgott aus Mitte etwas vorsichtiger aus. Die Mutter dreier Kinder hat in der DDR selbst erlebt, "wie verschieden Schule sein kann": erst auf einer Polytechnischen Oberschule, dann auf dem kirchlichen Seminar in Potsdam. Sie wünscht sich von der neuen evangelischen Schule, dass die "emotionale Bildung" einen höheren Stellenwert bekommt.

"Altlastigen" Kollegien auszuweichen und gleichzeitig eine Schule zu bekommen, die christliche Werte vermittelt und kirchliche Feste in den Schulalltag einbindet - diese Aussicht hat auch die Pankower Schulinitiatoren angespornt und es ihnen leicht gemacht, Mitstreiter zu finden. "Man kann Eltern unheimlich motivieren", ist eine der intensivsten Erfahrungen, die etwa die Mitinitiatorin Mareike Frühauf aus den vergangenen Monaten mitnimmt. Im Laufe der Zeit wurde die Arbeit auf viele Projektgruppen verteilt, die sich um das pädagogische Konzept, um den Hortbereich, die Renovierung des alten Backsteinhauses, um die Öffentlichkeitsarbeit und Finanzen kümmerten.

Obwohl die Bauarbeiten erst im Juni beginnen konnten, wird wohl zur Eröffnung am 8. September alles fertig sein - nicht zuletzt, weil jeden Sonnabend ab 9 Uhr etliche Eltern Wände rausstemmten, Fliesen legten, Fenster strichen. Rund 100 000 Mark haben sie an Spenden und Eigenleistung in die Renovierung des ehemaligen Gemeindehauses in der Hadlichstraße gesteckt - und dabei zum Beispiel auch die Erfahrung gemacht, dass man "10 bis 20 Briefe schreiben muss, um eine einzige Spende zu bekommen", erzählt Mareike Frühaufs Mitstreiterin Marianne Kothé. Immerhin rund 1700 Mark kamen auch durch zwei Benefizkonzerte in der Friedenskirche zusammen. Langfristig müssen die Elternbeitäge, die je nach Einkommen bei 180 bis 320 Mark monatlich liegen, die Lücken stopfen.

Start ohne Hilfe der Landeskirche

Zunächst gab es bei allen Eltern die Erwartung, dass die Landeskirche ihnen helfen und die Trägerschaft übernehmen würde. Doch weit gefehlt. Das Evangelische Konsistorium hat kein Geld. Die seit langem geplante Berlin-Brandenburgische Schulstiftung ist frühestens zum Januar 2002 arbeitsfähig. So wurden die Eltern aus Mitte und Pankow an die Schulstiftung der Evangelischen Kirchen in Deutschland verwiesen. Lediglich die Lichtenberger können ihr Haus als Filiale der evangelischen Schule Steglitz eröffnen. Somit haben sie keine Finanzierungsprobleme, denn bei bewährten Trägern übernimmt der Senat von Anfang an 97 Prozent der Personalkosten. Neue Träger müssen sich erstmal fünf Jahre bewähren.

Diese Zeitspanne ist so lang, dass viele Träume von einer eigenen Schule gleich wieder begraben werden. Für die Eltern aus Pankow und Mitte verkürzt sich die "Durststrecke" aber auf zwei Jahre, weil die evangelische Schulstiftung in den ersten drei Jahren 85 Prozent der Personalkosten finanziert. Dann müssen Elternbürgschaften her.

Zunächst halten sich die Ausgaben aber noch im überschaubaren Rahmen. Mit nur einer Klasse beginnt der Betrieb in allen drei Neugründungen. Das lässt sich mit zwei Teilzeitlehrern machen sowie mit zwei Erziehern für die Nachmittagsbetreuung. Immerhin reichte das Vereinsgeld auch noch für zwei Computer - mit Internetanschluss - und für Frühenglisch ab Klasse 1. Letztlich gab es in Pankow schon im Januar für die 25 Plätze 70 Bewerbungen, berichtet Frau Kothé. Kirchenmitgliedschaft ist keine Voraussetzung für die Aufnahme eines Kindes, allerdings für die Lehrer.

Und warum hat es nun so lange gedauert, bis sich die ersten evangelischen Schulen im Ost-Teil gegründet haben? "Das muss sich in den Köpfen erstmal festsetzen, dass man selbst eine Schule gründen kann", sagt Anne Bresgott im Rückblick. Zudem sei der "Leidensdruck" in Berlin nicht so groß gewesen, weil die Familien ja in den West-Teil ausweichen konnten, sagt der für Schulen zuständige Abteilungsleiter im Konsistorium, Steffen-Rainer Schultz. Inzwischen habe aber ein Umdenken stattgefunden. Längst liegen neue Anfragen vor.

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