Schulhof-Attacke : Verprügelter Polizist setzt weiter auf Prävention

Von einem Jahr griffen Schüler den Polizist Michael M. brutal an. Heute arbeitet der Beamte wieder mit auffälligen Jugendlichen. Politiker forderten nach der Attacke auf den Beamten eine härtere Gangart – doch geändert hat sich wenig.

Tanja Buntrock,Rita Nikolow

Knapp ein Jahr ist es her, dass die Debatte zum Thema Jugendgewalt schon einmal aufkam: Anlass war eine Attacke auf einer Schulparty in Lichtenrade, bei der ein Polizist in Zivil von schulfremden Jugendlichen krankenhausreif geprügelt wurde. Die Tat hatte damals eine große Diskussion ausgelöst mit allerlei Forderungen – auch, weil offen benannt wurde, dass es sich um junge Straftäter mit Migrationshintergrund handelte.

Der 42-jährige Kriminalpolizist Michael M. war an jenem 19. Januar 2007 auf der Party am Georg-Büchner-Gymnasium als Helfer dabei – sein Sohn geht auf die Schule. Als eine Gruppe schulfremder türkisch- und arabischstämmiger Jugendlicher trotz des Hausverbots in die Schule eindrang, eskalierte die Situation. Michael M., der sich als Polizist zu erkennen gab, wurde mit Fäusten, Gürteln und einer Eisenstange verprügelt. Die Haupttäter wurden im September vorigen Jahres zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Michael M. ist seit Juli wieder auf seiner Dienststelle im Raubkommissariat im Südwesten Berlins tätig. Hier hat er bereits seit Jahren mit gewaltbereiten Jugendlichen zu tun. Von der Attacke vor einem Jahr, bei der er schwere Kopfverletzungen erlitt, ließ er sich nicht einschüchtern. „Ich lasse mir die Arbeit dadurch nicht vermiesen“, sagt der Hauptkommissar. Im Gegenteil. Schon seit Jahren engagiert sich Michael M. in der Prävention. Außerhalb seines Dienstes macht er mit Schulklassen „Erlebnispädagogik“ auf dem Dreimaster „Thor Heyerdahl“.

Am Georg-Büchner-Gymnasium hat der Vorfall im vergangenen Jahr einiges bewirkt: So sei die Schule sicherer gemacht worden. Der lange umstrittene Zaun, der den Schulhof gegen Eindringlinge von Außen schützen soll, wurde inzwischen gebaut, sagt der stellvertretende Direktor Günter Koschmieder. Zudem habe sich der Kontakt zu den Beamten des zuständigen Polizeiabschnitts „weiter intensiviert“. Doch Koschmieder betont auch, dass es keine Schulparty mehr ohne Sicherheitsdienste und Polizeischutz mehr geben wird. „Im Februar haben wir die nächste Schulfete mit Security-Leuten.“ Von einem ständigen privaten Wachschutz, wie er im Dezember an einigen Schulen in Neukölln eingeführt wurde, hält er allerdings nicht viel. „Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse“, sagt Koschmieder. „Man muss versuchen, eine gewisse Normalität zu wahren.“ Koschmieder hält die aktuelle Debatte um Jugendgewalt und Zivilcourage dennoch für wichtig – wenn konkretes Handeln folgt. „Bei unseren Schülern ist vor allem positiv bewertet worden, dass die Täter vor Gericht verurteilt worden sind für ihre Attacke.“

Auch bei der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ wird die Diskussion um Jugendgewalt und Zivilcourage positiv gesehen. „Es lässt sich zwar nicht belegen, ob die Leute tatsächlich mehr Zivilcourage zeigen oder ob durch das derzeitige Medieninteresse mehr Fälle an die Öffentlichkeit kommen“, sagt deren Sprecher Helmut K. Rüster. Doch lobenswert sei, dass nun auch die Opfer mehr in den Fokus rückten. Dass sich durch eine solche Debatte eine „Kultur des Hinsehens“ entwickelt, sei wünschenswert. Denn dadurch würden auch potenzielle Täter immer mehr abgeschreckt.

Vieles an der Debatte, die sich an den Übergriff auf den Polizisten im vorigen Jahr anschloss, erinnert an die aktuelle Diskussion über Jugendgewalt und möglichen Konsequenzen: Die Landeskommission „Berlin gegen Gewalt“ empfahl damals, die langfristigen Perspektiven für Einwandererkinder durch einen leichteren Zugang zum Ausbildungsmarkt zu verbessern. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) stellte klar, dass es keinen finanziellen Spielraum für weitere Sozialarbeiter gebe. Trotz der aktuellen Probleme sei Migration „eine Chance“, die überwiegende Zahl der Migranten friedlich. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) forderte seinen Parteikollegen dagegen auf, in der Realität anzukommen. Ohne zusätzliche Mittel sei der Umbau der Schulen zu Integrationszentren „nicht zu schaffen“.

Eine härtere Gangart verlangte SPD-Landeschef Michael Müller: Er zog in Betracht, Eltern krimineller Kinder, die nicht mit den Behörden kooperieren, staatliche Hilfen zu streichen. Der CDU-Fraktionschef Frank Henkel präsentierte ein umfangreiches „Sofortprogramm zu Gewaltprävention“, dem zufolge schrittweise „alle Schulen Schulpsychologen und Sozialarbeiter bekommen sollen“. Bisher ist keine dieser Forderungen umgesetzt worden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben