Berlin : Schulische Integration: "Da wird das Begabungspotenzial der Kinder verschleudert"

Vor über 30 Jahren begann die türkische

In den nächsten Tagen erhalten rund 80.000 türkische Familien Post von der Senatsschulverwaltung, dem Türkischen Bund Berlin-Brandenburg und dem Türkischen Elternverein. Es ist ein Appell an die Bildungsbereitschaft und informiert über schulische Angebote in Berlin. Darüber sprachen wir mit Schulsenator Klaus Böger (SPD), dem Sprecher des Türkischen Bundes, Safter Çinar, und dem Vorsitzenden des Türkischen Elternvereins, Kazim Aydin.

Vor über 30 Jahren begann die türkische Einwanderung nach Berlin. Warum muss man im Jahre 2001 einen derartigen Integrations- und Bildungsappell verteilen?

Schulsenator Klaus Böger: Zum einen kommen neue Einwanderer hinzu. Zum anderen wissen wir, dass ein Viertel der türkischen Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlässt. Da wird das Begabungspotenzial der Kinder verschleudert.

Fast jeder zweite Berliner türkischer Herkunft holt sich seinen Ehepartner aus der Türkei. Das vergrößert die Sprachprobleme der Kinder. Könnten die türkischen Organisationen hier keinen Einfluss ausüben.

Safter Çinar: Jeder kann seinen Ehemann suchen, wo er will. Wir sollten nicht an diesem Grundrecht herumfummeln, sondern lieber über bessere Integrationswege nachdenken. Die Niederlande geben ein positives Beispiel mit ihrem System von Sanktionen und Anreizen für den Spracherwerb.

Klaus Böger: Ich werde mir demnächst in den Niederlanden selbst ein Bild von diesen Angeboten machen. Wir sind uns darin einig, dass dort ein möglicherweise gangbarer Weg beschritten wird. Allerdings muss ich schon darauf hinweisen, dass das Heiratsverhalten die Integrations- und Sprachprobleme noch verschärft. Es liegen häufig Welten zwischen den Lebensverhältnissen hier und in der Türkei. Das erfordert gewaltige Integrationsanstrengungen.

Weit über 90 Prozent der Eltern schicken ihre Kinder doch jetzt schon in Kitas und Vorschulen. Warum ist das Sprachproblem dennoch so groß?

Kazim Aydin: Wir brauchen in den betreffenden Kitas ein bis zwei türkisch-sprachige Erzieherinnen, die auch wissen, wie man Deutsch als Zweitsprache vermittelt. Dadurch bekämen die Kinder auch das Gefühl, dass ihre Sprache anerkannt ist. Wir haben eine solche Kita gegründet, und die läuft gut.

Klaus Böger: Wir müssen die Erzieher zusätzlich qualifizieren. Das gilt natürlich auch für das Personal, das wir aus dem Überhang der östlichen Bezirke übernehmen.

Safter Çinar: Es wäre aber auch wichtig für die Kinder, dass sich die Schülerschaft in der Lehrerschaft widerspiegelt. Viele junge Türken würden gern Lehrer werden, befürchten aber, nicht eingestellt zu werden.

Könnten Sie in dieser Hinsicht aktiv werden?

Klaus Böger: Ich will an junge türkischstämmige Abiturienten einen Brief schreiben, um sie zu dieser Berufswahl zu motivieren. Wir sollten solche Lehrer schon allein wegen ihrer Vorbildfunktion einstellen.

Welche Wege gibt es noch, die Familien stärker in ihrer Bildungsbereitschaft zu motivieren?

Safter Çinar: Die Politik muss vor allem aufhören, ständig über die Berechtigung der Anwesenheit der Zuwanderer zu diskutieren. Das ständige Infragestellen wirkt sich negativ auf die Befindlichkeit der Betroffenen aus. Außerdem müssen wir sehen, dass es sich generell um ein soziales Problem handelt: Die Aufgabe besteht darin, die bildungsfernen Schichten zu erreichen. Ihnen muss auch klar gemacht werden, dass Kitas keine Aufbewahranstalten, sondern Bildungseinrichtungen sind.

Kazim Aydin: Viele Kinder, die keinen Schulabschluss machen, haben schon Eltern mit gescheiterter Schullaufbahn. Wir müssen engeren Kontakt zu diesen Menschen halten. Insofern ist dieser Elternbrief, den wir jetzt verfasst haben, ein guter Anfang.

Wird sich die neue Kitaverordnung mit den eingeschränkten Betreuungszeiten nicht negativ auf die Integration der Kinder nichtdeutscher Herkunft auswirken?

Klaus Böger: Die neue Verordnung ist noch nicht in Kraft. Falls sie aber dazu führt, dass die betreffenden Kinder kürzer betreut werden, würde ich das wieder ändern.

Tritt unsere Integrationsdiskussion nicht seit 20 Jahren auf der Stelle?

Klaus Böger: Ich sehe einen Lichtblick, weil wir jetzt endlich offen über die Probleme sprechen und nicht mehr nur Kult um Multikulti betreiben. Die Chance, etwas zu ändern, war noch nie so groß wie jetzt, weil wir die Einwanderungsdiskussion haben.

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