Berlin : Schulkleidung: Ein anziehender Versuch - mit unerwarteten Folgen

Annette Kögel

"Es gibt jetzt weniger Cliquen als vorher"

Das klingt beruhigend: "Anfangs war das auch für uns eine ganz schöne Umstellung", erzählt Regina Möhle, Ikea-Mitarbeiterin in gelb-blauem Dress - und Susanna und Paulina in hellblauem Poloshirt und dunkelblauer Hose schreiben fleißig mit. Seitdem die 14-Jährigen aus der Klasse 8a vom Willi-Graf-Gymnasium für den Tagesspiegel-Modellversuch einheitliche Schulkleidung tragen, beschäftigt sie das Thema. Deswegen auch die Exkursion nach Spandau. Seit fünf Wochen machen die 8a und Lehrerin Marianne Strohmeyer montags bis freitags Blau - was die Optik angeht.

Wie berichtet, hatte der Tagesspiegel Test-Klassen gesucht, die bis zu den Sommerferien in einen Einheitsdress schlüpfen - und die Bewerbung der Steglitzer berücksichtigt, weil bei ihnen Cliquenwirtschaft herrschte und viele nur nach dem Äußeren gingen. Hat sich daran etwas verändert? "Es steht niemand mehr alleine auf dem Hof. Früher hatten wir acht, neun Cliquen - jetzt sind es noch zwei, drei, da hat sich schon was getan", sagt Stephan. Dennoch: der Versuch fällt ihm schwer, auch wenn er mithilfe von lilafarbenen Springerstiefeln und Vorhängeschloss-Halskette demonstrativ sein Punk-Dasein mit Antifa-Anspruch zur Schau stellt. "Das ganze erinnert mich doch sehr ans Militär." Aber deswegen den Versuch einfach abbrechen und damit der gesamten Gemeinschaft schaden, wie es einzelne Schüler in Friedrichshain tun? "Auf keinen Fall. Wir haben das gemeinsam angefangen, und jetzt müssen wir es auch gemeinsam durchziehen."

Die Stimmungslage in der ganzen Klasse? Linda und Christine geht es wie Stephan - sie sind inzwischen "genervt" und finden es "total langweilig", immer das Gleiche anzuziehen. Für die überwiegende Mehrzahl der Schüler gehört die Montur aber längst zum Schulalltag wie Pausenklingeln und Hausaufgaben. Würden sie auch in Zukunft Schulkleidung tragen? "Nur dann, wenn alle an der Schule mitmachen", so die einstimmige Antwort. Einige Jugendliche wollen die von der Sportarena der Galeria Kaufhof gesponserten Garnituren selbst nach Schulschluss nicht ausziehen: Marc, Sandra, Esther, Jaqueline, Isabel. Die Hintergründe? Bequemlichkeit, aber auch Stolz. Auch Lehrerin Marianne Strohmeyer sieht richtig niedlich aus mit ihrer Dreiviertel-Hose. Sie hat sich durch die Kontakte zur Test-Klasse in Hamburg, der Schüler-Reise zur Schuluniform-Tagung in Guben, Anfragen von Museen und Medien reichlich Arbeit eingehandelt.

Vielleicht schlüpfen ja bald alle in Willi-Graf-Schulkleidung - eine Schulumfrage dazu startet jetzt.

"Einfach keinen Bock mehr"

Der Schüler hatte "einfach keinen Bock mehr". Das Fleece-Shirt hat er sich vom Leib gezogen, es zerrissen und in den Mülleimer geworfen. An einer Hauptschule geht es eben mitunter drastisch zu. Ein paar Monate ist es her, dass sich die Klasse 10c der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Hauptschule von Lehrer Erich Beyler aus eigenem Antrieb darum beworben hat, eine legere "Schuluniform" zu testen. Der Tagesspiegel wollte unterschiedliche Altersstufen, Bezirke und Schultypen - und erst recht heterogene Klassen - berücksichtigen. Und hat stets betont, dass beim Versuch ein jeglicher Ausgang denkbar ist. Auch jener, dass es mit einer Einheitskleidung nicht so einfach klappt. In Friedrichshain fällt manchem das Durchhalten schwer.

Aufreibende Tage für Erich Beyler. Wie seine Steglitzer Kollegin trägt auch der Klassenlehrer der 10c seit dem 21. Mai weißes Poloshirt, dunkelblaues Fleece-Shirt und schwarze Bundfaltenhose - die Kollektion hatte sich die 10c beim Sponsor selbst zusammenstellen können. Schade, dass das selbst gezeichnete Klassen-Logo im Hip-Hop-Stil nicht gedruckt werden konnte. Doch selbst mit Grafitti-Logo böte sich derzeit sicher kein anderes Bild. Einige Schüler finden es "scheiße, jeden Tag gleich rumzulaufen".

Als Beyler ein paar Tage krank war, zogen einige die "Uniform" nicht mehr an, manch einer kleidete sich für Unterricht bei anderen Lehrern heimlich auf der Toilette um. Harte Zeiten für Jugendliche, bei denen die Zentimeterweite des Hosen-Schlags darüber entscheidet, ob man "cool" ist oder nicht. Bundfaltenhosen sind nun mal eng. Vergangene Woche fragte Erich Beyler die 10c, wer eigentlich noch gerne Klassendress trägt. Elf Anwesende meldeten, bei sechs Schülern blieb der Finger unten. Letztlich wollen aber alle bis auf zwei durchhalten. "Viele sind total sauer auf die, die den Test boykottieren, und halten sie der Klassenkleidung für nicht mehr würdig", gibt Beyler die Stimmung unter den Schülern wieder. Erst fielen die Betreffenden dank des Outfits positiv aus der Reihe. Als die Kleidung zur Normalität wurde, mussten sie offenbar anders auf sich aufmerksam machen - und sei es durch provokatives Verhalten.

Harte Tage, aufregende Zeiten. Noch nie haben sich die Schüler derart intensiv in demokratischem Verhalten erprobt. Stolz sind sie immer noch, Test-Klasse zu sein, aber von den vielen Radio- und Fernsehteams schon genervt. Während sich eine Mehrheit an der Hauptschule für eine gemeinsame Schulkleidung ausspricht, macht die 10c vor, dass es für eine einzelne Klasse doch nicht so einfach ist.

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