Schulmärchenreport : Das sind die Ergebnisse der Schulinspektionen in Berlin

Nach dem Pisa-Schock begann an Berlins Schulen das große Reformieren. Schulinspektoren sollten den Fortschritt kritisch begleiten. Eine erste umfassende Auswertung ihrer Berichte zeigt: Die Politik verfehlt ihre Ziele klar - weil sie den Schulen zu wenig hilft.

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Seit diesem Jahr werden Zusammenfassungen der Schulinspektionsberichte im Internet veröffentlicht. Wir haben uns die ersten 68 Berichte genauer angesehen und für Sie zusammengefasst. Die Bildergalerie zeigt, welche Probleme die Schulen im einzelnen beschäftigt.Alle Bilder anzeigen
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17.08.2012 19:42Seit diesem Jahr werden Zusammenfassungen der Schulinspektionsberichte im Internet veröffentlicht. Wir haben uns die ersten 68...

Pathos hat im Reuterkiez im Norden Neuköllns eine gewisse Tradition. Von hier hat einst die ehemalige Rütli-Hauptschule ihren Brandbrief über den Tagesspiegel in die Welt verschickt, um auf ihre enormen Probleme aufmerksam zu machen. Und hier, auf dem Campus Rütli, wo nun die 1. Gemeinschaftsschule steht, hat der verantwortliche Direktor in einer öffentlichen Stellungnahme zum gerade veröffentlichten, durchaus wohlwollenden Inspektionsbericht für seine Schule einen sehr symbolischen Satz geschrieben: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Und weiter heißt es da: „Für uns ist dieses Ergebnis Grund, stolz zu sein und zugleich der Auftrag, in unserem Bemühen nicht nachzulassen.“

Tatsächlich weht der Wind der Veränderung beständig im Schulgeschäft – manchmal etwas stärker, manchmal etwas weniger stark. Gerade frischt er merklich auf – nun, da mit der 2012 gestarteten zweiten Runde der gesetzlich festgeschriebenen Schulinspektionen erstmals Zusammenfassungen der Inspektionsberichte über die Berliner Schulen auf der Homepage der Bildungsverwaltung veröffentlicht werden. Mehr Transparenz und Offenheit ist das Ziel dieser Berichte, die seit 2004 gesetzlich festgeschrieben sind. Der ehemalige Schulsenator Jürgen Zöllner hat die Offenlegung der Ergebnisse noch veranlasst, bis 2016 soll über jede der mehr als 700 Berliner Schulen im Netz etwas nachzulesen sein. Gegen Mitte dieser Woche waren nach Recherchen des Tagesspiegels bereits 68 Berichte über die Homepage der Senatsverwaltung für Bildung zu finden. Das ist noch nicht die Welt. Stoff für eine Bilanz bietet sich damit trotzdem – nicht zuletzt, weil sich die Berichte spannend wie Kriminalromane lesen. Aber sie sind real, man wird in eine Welt entführt, von der man sich meist ein falsches Bild macht, weil selbst Eltern von schulpflichtigen Kindern nicht immer verstehen, wie groß die Belastung und die Anforderungen von Lehrern und vor allem von Schulleitern sind. Was sich festsetzt nach der Lektüre dieser vielen Zeilen, lässt sich in Kürze so beschreiben: Schule ist Baustelle, nie fertig, immer am Werden oder auch nie. Und Transparenz kann ganz schön wehtun – nicht zuletzt, da das Bild, das sich dank ihr vom Berliner Schulwesen ergibt, doch oft ein eher trauriges ist.

Vielleicht muss man aber mit dem beginnen, was sich die meisten schon denken können: mit den unzähligen Baustellen an der Infrastruktur. Sie sollen hier angeführt werden, weil sie mit ein Grund dafür sind, warum die Schulen oftmals mit anderen Dingen beschäftigt sind, so dass sie bei der eigentlich wichtigsten Bewertung, bei der Methodik und Umsetzung für individualisiertes Lernen, etwa bei der individuellen Förderung, einer der wichtigsten Konsequenzen aus Pisa, durchweg schwach abschneiden. In einer Schule wächst „nur“ eine Pflanze durch ein Fenster in die Turnhalle, das hört sich noch romantisch an. In einer anderen „entsprechen die Schultoiletten nicht hygienischen Ansprüchen und Vorgaben“, woanders „ist die Geruchsbelastung enorm“. Eine Sekundarschule in Pankow hat zurzeit keine Werkstättenräume für das wichtige Fach Wirtschaft, Arbeit, Technik. Dabei soll es darin auch um die Berufsvorbereitung gehen. In Friedrichshain-Kreuzberg gibt es ein Gymnasium, das einen frisch renovierten Gebäudeturm nicht nutzen darf, weil die Behörden nach dem Bau feststellten, es gebe ja keinen zweiten Fluchtweg.

Video: Wie zufrieden sind die Berliner mit ihren Schulen?

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