Berlin : Schulpolitik: Die dreifache Hypothek

Der Autor Erhard Laube ist Leiter der Spreewald-Gr

Wie in kaum einem anderen Land erweist sich das deutsche Bildungssystem als unfähig, Kinder von Migranten und Schülern aus unteren sozialen Schichten "Chancengleichheit" zu gewähren. Dieses vernichtende Urteil hat die internationale Schulleistungsstudie Pisa gefällt. In Berlin haben solche Schüler es sogar doppelt schwer. Denn Schüler nicht deutscher Herkunftssprache stammen vor allem aus solchen sozial benachteiligten Schichten.

Damit nicht genug: Pisa weist nach, in welchem Maße das soziale und ökonomische Umfeld der Schule für den Bildungserfolg der Schüler wichtig ist. Da in Berlin Schüler aus Migrantenfamilien überwiegend unteren sozialen Schichten entstammen und an eine Schule mit einem schlechteren sozioökonomischen Umfeld gehen, leiden sie unter einer dreifachen Ungleichheit der Bildungsvoraussetzungen. Unter solchen Umständen bleiben, wie Pisa hervorhebt, Begabungen ungenutzt; menschliche Ressourcen werden vergeudet. Was tun? Zwei Möglichkeiten schlagen die Pisa-Autoren vor: entweder mehr Geld für Ausgleichsmaßnahmen in diese Schulen investieren oder aber eine heterogene Schülerschaft anstreben.

Letzteres erscheint mir vordringlich und setzt eine veränderte Stadtentwicklungspolitik voraus, die über das Quartiersmanagement hinausgeht. Abwanderung und soziale Entmischung der Wohngebiete müssen verhindert bzw. rückgängig gemacht werden. Darüber hinaus ist ein Mix verschiedener Maßnahmen unabdingbar. Erlaubt sein muss es auch, Tabus zu überdenken:

Schuleinzugsbereiche könnten mancherorts so verändert werden, dass eine heterogene Schülerschaft entsteht. Die jetzt bestehende Aufgabenteilung in den Bezirken (Bezirksamt/Landesschulamt) macht jedoch Änderungen der Schuleinzugsbereich praktisch unmöglich. In Randzonen könnten in vielen Fällen Schulen zu einem Schulverbund zusammengefaßt werden, um das gleiche Ziel zu erreichen.

Oberschulen mit einem guten Umfeld müssten Anreize erhalten, wenn sie Kinder nicht deutscher Herkunft oder aus schwierigen Einzugsgebieten aufnehmen.

Die Mobilität von Migrantenkindern sollte durch freiwilliges Bussing und durch kostenlose BVG-Beförderung so erleichtert werden, dass das Erreichen von Schulen mit erfolgversprechenden Charakteristiken befördert wird.

Da die Einbeziehung der Herkunftssprachen für die Schulleistungsentwicklung äußerst wichtig ist, müssen hier Schulen zu neuen Wegen ermuntert werden.

Die Umwandlung von Schulen in Ganztagsschulen muss zügig, aber auf freiwilliger Basis nach einem Konzeptes erfolgen; Ganztagsgrundschulen sollten - das ist für Berlin noch nicht vorgesehen - die Unterscheidung in Unterricht und Freizeit aufgeben. Ein integriertes Bildungsangebot ist vonnöten: Unterricht also auch nachmittags.

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