Schulpsychologe : "Das Wichtigste ist, sich zu offenbaren"

Cybermobbing kann bei den Opfern gravierende Folgen haben. Was ein Schulpsychologe den Betroffenen rät.

Foto: privat
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Herr Seifried, Sie hatten in den letzten Tagen viel Kontakt zu Schülern, die Opfer von Beleidigungen auf isharegossip.com wurden. Welche Reaktionen erleben Sie?

Manchen gelingt es, die Beschimpfungen nicht ernst zu nehmen, sich einfach zu sagen: „Solche Quatsch-Seiten interessieren mich nicht.“ Aber das sind meist Ältere, vor allem Oberstufenschüler. Andere treffen die anonymen Botschaften sehr hart, sie fühlen sich hilflos. Weil Internetplattformen für sie wie ein Spiegel sind, in den sie schauen und sich fragen: Wie komme ich an? Wie wirke ich auf andere? Wir Erwachsenen müssen begreifen, dass die virtuelle Welt für viele Jugendliche eine wichtige, geradezu reale ist.

Welche Folgen können die Beschimpfungen haben?

Im Extremfall gravierende. Die Opfer schämen sich, ziehen sich zurück, bleiben der Schule fern oder die Leistungen lassen nach. Aber so etwas stellt sich erst nach Wochen oder Monaten ein.

Ist die Popularität der Seite ein Zeichen dafür, dass die Jugend zunehmend verroht?

Nein, unter Jugendlichen wurde schon immer viel gelästert und auch gehänselt. „Der ist ein Hurensohn“, „die ist hässlich“ – solche Sprüche gehören leider zum Jugendalltag. Früher standen die Lästereien an Klotüren oder waren auf Schultische geritzt.

Was ist dann die neue Qualität dieser Internetplattform?

Die geringe Hemmschwelle. Wenn ich im realen Leben über jemanden lästere, besteht immer die Gefahr, dass es rauskommt. Die Seite scheint so reizvoll, weil sich viele dort in der Sicherheit der Anonymität wähnen, was aber definitiv falsch ist. Bei schweren Straftaten wie Amokdrohungen hat die Polizei Möglichkeiten, die Urheber zu ermitteln.

Die Seite wird auffällig häufig von Gymnasiasten genutzt.

Das liegt wohl einerseits daran, dass Computer zu ihrem Alltag gehören. Andererseits gehen sie eher direkten Konflikten aus dem Weg. „Du hast mich beleidigt, wir schlagen uns“, das hört man von Gymnasiasten selten. Deshalb wählen sie häufiger einen anonymen, indirekten Weg, um Aggressionen und Konflikte auszuleben.

Was raten Sie betroffenen Schülern?

Das Wichtigste ist, sich zu offenbaren! Mit den Eltern zu sprechen, zum Lehrer oder Mitschülern zu sagen: Dieses und jenes wird über mich geschrieben. Das verschafft eine große Erleichterung.

Aber wer gibt schon gerne zu, dass über ihn schlecht geredet wird?

Wer damit offen umgeht, wird schnell merken, dass er Unterstützung bekommt. Meistens offenbaren sich dann auch Mitschüler, denen ähnliches passiert ist. An mehreren Schulen haben Klassenkameraden die Internetseite anschließend dermaßen mit Kommentaren überflutet, dass die Beleidigungen gelöscht wurden. An der Fichtenberg-Oberschule haben Jugendliche Unterschriften gesammelt und ein Transparent gemalt: „I hate Gossip“. Ich hasse Tratsch. Auch so kann Unterstützung aussehen.

Gerade versuchte der Freund einer Betroffenen, im Konflikt mit ihren Beleidigern zu vermitteln – er wurde von 20 Jugendlichen bewusstlos geprügelt.

Ich rate dringend davon ab, diese Konflikte selbst lösen zu wollen, auch wenn das Opfer vermutet, dass der Verfasser aus dem direkten Umfeld kommt. Man sollte mit Eltern oder Lehrern besprechen, was zu tun ist. In schweren Fällen sollten immer der Präventionsbeauftragte der Polizei und der zuständige Schulpsychologe eingeschaltet werden.

Was können Eltern tun?

Die meisten wissen nicht, was ihre Kinder am PC tun, auf welchen Plattformen sie kommunizieren, mit wem sie chatten.

Und wie können sie sich dem Problem annähern?

Indem sie sich Zeit nehmen und ihr Kind fragen: „Ich habe einen Artikel in der Zeitung gelesen. Kennst du diese Website? Gibt es in deiner Klasse solche Konflikte? Bist du auch schon Opfer geworden?“ Jugendliche brauchen Vertrauen, um sich in Notlagen bei ihren Eltern oder Lehrern Hilfe zu holen. Leider nutzen nur 30 Prozent der Mobbingopfer diese Chance.

Klaus Seifried ist Psychologe, Lehrer und Leiter des Schulpsychologischen Beratungszentrums Tempelhof- Schöneberg. Das Interview führte Sebastian Leber.

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