Schulreform : Jedem Schüler eine Chance

Diskussion um die Berliner Schulreform: Nicht nur Noten sollen zum Gymnasium führen, fordern Politiker. Länder wie Hamburg gelten als Vorbild.

Lars von Törne

Oft kommt es nicht vor, dass die Bildungspolitiker von der CDU bis hin zur Linken einer Meinung sind. In einem Punkt jedoch stimmten Vertreter von Opposition und Regierung am Montag überein: Ein guter Notendurchschnitt als alleiniges Kriterium für den Zugang zum Gymnasium wäre der falsche Weg, um das von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) angestrebte zweigliedrige Schulsystem aus Gymnasium und Sekundarschule zu etablieren. Das Szenario von „kleineren, feineren und elitäreren“ Gymnasien, das tags zuvor ein GEW-Vertreter formuliert hatte, stieß auf allgemeine Ablehnung.

„Neue Zugangsregeln für das Gymnasium dürfen nicht das Ziel haben, möglichst viele Kinder abzuhalten“, sagte Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU. Seine Partei bevorzugt ein Aufnahmeverfahren „aus einem schüleradäquaten Test, einem Gespräch mit dem Schulleiter und einem Probeunterricht“. Auch Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linken, will nicht die Zahl der Gymnasialplätze durch die Reform reduzieren – sie sollen anders verteilt werden. „Es geht uns um die soziale Mischung.“ Die soll nach Meinung der Linken durch eine wie auch immer geartete Sozialquote befördert werden, in die neben Leistung auch andere Faktoren einfließen. Was die Details angeht, hat die Diskussion in der Linken erst begonnen.

Hamburg gilt als Vorbild

Aus Sicht von Experten lohnt ein Blick in andere Bundesländer, die ähnliche Reformen vollzogen haben. So fordert der Grünen-Bildungspolitiker Özcan Mutlu, dass auch die individuellen Begabungen, Interessen und Leistungen jenseits der messbaren Noten bei der Schulentscheidung mit berücksichtigt werden sollen – und sieht dafür Hamburg als Vorbild.

Dort hat die von einer schwarz-grünen Koalition gestellte Landesregierung eine zweigliedrige Struktur aus Gymnasien und Stadtteilschulen eingeführt, Berlins Modell nicht unähnlich. Wer nach der sechsjährigen Grundschule aufs Gymnasium will, wird ab dem Schuljahr 2010 nach drei Kategorien bewertet: Lernentwicklungsberichte im ersten Halbjahr des sechsten Schuljahres zeigen, ob der Schüler das erforderliche Niveau erreicht hat. Zweitens werden die Schüler in Deutsch, Mathematik und Englisch getestet. Das dritte Element ist die Einschätzung der Lehrer zu „überfachlichen und sozialen Kompetenzen“, kombiniert mit einer Selbsteinschätzung der Schüler. Das Resultat der drei Faktoren ist eine bindende Empfehlung für einen der Schultypen.

Ob das Bildungsniveau steigt, ist noch ungewiss

Auch in Brandenburg setzen die Schulen seit gut eineinhalb Jahren auf eine Kombination verschiedener Faktoren. Wichtigstes Element ist das Grundschulgutachten, das neben Noten eine allgemeine Einschätzung des Schülers beinhaltet. Dazu kommen die Halbjahresnoten in Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache im ersten Halbjahr der sechsten Klasse. Erfüllt ein Schüler nur eine oder keine der beiden Voraussetzungen, kann er einen Probeunterricht im zweiten Halbjahr der sechsten Klasse besuchen, bei dem auch Kompetenzen wie Teamfähigkeit und andere nicht direkt mit Noten messbare Leistungen gewürdigt werden sollen. Einen massiven Rückgang der Gymnasiastenzahlen haben die Brandenburger wegen der neuen Anforderungen nicht erlebt, sagt der Sprecher der Bildungsverwaltung, Stephan Breiding: Nur 350 von rund 13.000 Schülern hätten die neuen Voraussetzungen für das Gymnasium nicht erfüllt. Ob durch verschärfte Auswahlkriterien für die Gymnasien das allgemeine Bildungsniveau der Schüler gestiegen ist, mag der Sprecher noch nicht einschätzen. Derartige Evaluationen stehen noch bevor.

Am Donnerstag soll die Berliner Schulreform voraussichtlich auch im Abgeordnetenhaus diskutiert werden.

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