Berlin : Schulreform: Leistungskurse sollen die Grundschule retten

Susanne Vieth-Entus

Bin ich A oder B? Mit dieser mal bangen, mal erwartungsvollen Frage begann für knapp 32 000 Fünftklässler das neue Schuljahr. Denn erstmals werden in ganz Berlin die Kinder je nach Leistung in einigen Fächern getrennt in A- oder B-Gruppen unterrichtet. Diese neueste Stufe der Grundschulreform soll insbesondere stärkeren Schüler mehr Lernanreize vermitteln. Nach Meinung von Schulsenator Klaus Böger (SPD) ist die sechsjährige Grundschule ohne diese so genannte äußere Differenzierung nicht mehr zu retten.

Auf freiwilliger Basis hatten rund 150 der 480 Grundschulen bereits im Jahr 2000 damit begonnen, in einigen Deutsch-, Mathematik- und Englischstunden die besseren Schüler getrennt zu unterrichten. Ihre Erfahrungen wurden von der Senatsschulverwaltung ausgewertet. Fazit war, dass es die Aufteilung in zwei Gruppen generell nur in rund fünf der 15 Hauptfachstunden geben soll. Überschreitungen sind aber erlaubt.

Zunächst hatte es - insbesondere aus den Kollegien - harsche Kritik an der Reform gegeben. Davon ist zu Schuljahresbeginn aber kaum noch zu hören. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) führt die anfängliche Ablehnung vor allem darauf zurück, "dass es eben bequemer ist, im gewohnten Unterrichtsstil weiterzumachen". Die VBE-Vorsitzende Annette Kunsch teilt Bögers Ansicht, dass die sechsjährige Grundschule diese Reform braucht, um zu überleben. Sie begrüßt es aber, dass rund 40 Grundschulen die Leistungsgruppen nicht bilden müssen, weil sie mit anderen Konzepten auf die Unterschiedlichkeit der Schüler eingehen.

Von Elternseite gibt es gemischte Reaktionen. Wer schweren Herzens darauf verzichtet hat, sein Kind auf ein grundständiges Gymnasium zu geben, freut sich über die zusätzliche Förderung an der Grundschule. Es ist aber auch zu hören, dass viele Eltern und Schüler von den Lehrern regelrecht überrumpelt wurden: Nicht alle Schulen sind der Aufforderung des Schulsenators nachgekommen, die Familien noch vor den Sommerferien auf die Neuerung aufmerksam zu machen. Jetzt wundern sich die Eltern, wenn sie auf den Stundenplänen plötzlich etwas von A- und B-Gruppen lesen. Zum Start klappt außerdem die Umsetzung noch nicht richtig. Aus einer Schule in Weißensee ist etwa zu hören, dass die Kinder etwa in Mathematik nur deshalb im A-Kurs landeten, weil sie in Deutsch gut sind. Auf diese Weise lasse sich der Stundenplan wohl leichter planen, vermuten die verunsicherten Eltern.

Der Landesschulbeirat will jetzt nachdrücklich einfordern, dass die Schulaufsichtsbeamten "mehr beraten und nicht nur Statistik ausfüllen", kündigte gestern die Vorsitzende Elisabeth Willkomm an. Insbesondere im Zuge der Grundschulreform sei dies notwendig. Sie kennt viele Fälle, in denen Eltern "um ganz banale Elternrechte kämpfen müssen", weil Schulen im Ost-Teil die Mitbestimmungsregelungen ignorierten. Eltern seien kooperativ, aber man müsse sie einbeziehen.

Die Senatsschulverwaltung werde jetzt nochmals an die Schulen herantreten, damit die Eltern richtig informiert werden, kündigte Schulrätin Silvia Wagner-Wels gestern an. Sie wies darauf hin, dass die Zuordnung zu den beiden Leistungsgruppen nicht im Zeugnis vermerkt werden darf. Es sei ausdrücklich nicht gewollt, dass hier irgendwelche Vorentscheidungen für die weitere Schullaufbahn getroffen würden.

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