Schulschwänzer : 16.000 drücken sich vor der Schulbank

Berlin bekommt sein Problem mit Schulschwänzern nicht in den Griff. Manche Schüler bleiben sogar wochenlang weg. Bildungspolitiker fordern mehr Härte - und bessere Betreuung.

Fatina Keilani

Allein im ersten Halbjahr des Schuljahrs 2007/2008 fehlten 16 000 Schüler unentschuldigt; notorische 650 Schwänzer blieben sogar mehr als 40 Tage dem Unterricht fern. Das geht aus einer Statistik der Senatsbildungsverwaltung hervor. Die tatsächlichen Zahlen dürften noch höher sein. Denn Fehlzeiten werden an Grundschulen nicht mehr erfasst – um Bürokratie abzubauen. Insgesamt gibt es rund 300 000 Schüler in Berlin.

Oft dauert es Wochen, bis die Eltern überhaupt von der Schwänzerei erfahren – obwohl die Schule es ihnen nach drei Tagen melden soll. „Die Lehrer werden alleingelassen“, klagt der CDU-Schulpolitiker Sascha Steuer. „Nach zwanzig Versuchen, denen nichts folgt, geben sie auf.“ Steuer hat am Donnerstag im Abgeordnetenhaus einen Fünf-Punkte-Plan vorgestellt, um das Problem in den Griff zu bekommen. Für Teile davon können sich auch die Grünen erwärmen. Als Vorbild wird darin Hamburg genannt, wo Schwarz und Grün gemeinsam regieren.

Nach Vorstellungen der CDU soll mehrgleisig gefahren werden – einerseits mehr pädagogische Angebote für Schulverweigerer, andererseits aber auch härtere Konsequenzen bis hin zum regelmäßigen Abholen von Dauerschwänzern durch die Polizei. „Mit dieser sicherheitspolitischen Keule ist das Problem nicht zu lösen“, sagt der grüne Bildungspolitiker Özcan Mutlu. Die Forderung nach mehr pädagogischen Angeboten teilt er aber: „Wir brauchen viel mehr Sozialarbeiter, mehr Projektarbeit, und auch die Eltern müssen besser gebildet werden.“ Die FDP möchte Schwänzer eine Zeitlang außerschulisch unterrichten. Zugleich müsse den Eltern klargemacht werden, dass Schulschwänzerei und kriminelle Karriere im Zusammenhang stehen – die registrierten Intensivtäter waren zuvor oft Intensiv-Schwänzer.

Für notorische Schulverweigerer gibt es laut Steuer nur 96 Plätze in pädagogischen Projekten – viel zu wenig. Das müsse ausgebaut werden. Doch zugleich sollten auch die Konsequenzen eindeutig sein. „Es muss klar sein: Nach drei Tagen passiert dies, nach fünf Tagen das“, so Steuer. In Hamburg gebe es nach fünf Tagen eine Schulversäumnisanzeige; wenn das Kind dann nicht erscheint, wird ein Bußgeld gegen die Eltern verhängt. Leben sie von Sozialleistungen, so müssen sie die Summe in Form gemeinnütziger Arbeit leisten – zum Beispiel in der Schule.

„Hamburg hat eine andere Struktur als Berlin“, meint dagegen Kenneth Frisse, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. In Berlin sei die Durchsetzung der Schulpflicht Sache der Bezirke, was richtig sei, da immer auch die Einschaltung des Jugendamts im Raum stehe. Immerhin plant die Bildungsverwaltung jetzt die Schaffung einer zentralen Schülerdatei. Eigentlich soll damit der Lehrerbedarf zutreffender erfasst werden als derzeit. „Die Datei würde die Möglichkeit eröffnen, Fehlzeiten von Schülern zentral zu erfassen“, so Frisse. Sie soll nächstes Schuljahr starten.

Das meiste aus dem CDU-Antrag ist im Schulgesetz schon vorgesehen – sowohl das Bußgeld als auch die polizeiliche Vorführung. Nur das feste Handlungsschema fehlt im Gesetz, aber das haben die Bezirke 2006 selbst beschlossen: nach drei Tagen Nachricht an die Eltern, nach zehn Tagen Schulversäumnisanzeige, zwei Wochen später das Bußgeldverfahren. Oder, wie die FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben es zusammenfasst: „Wir haben die Mittel, aber wir wenden sie nicht an.“

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