Schulschwänzer : "Manche Schüler kenne ich nur vom Telefon"

Neuköllns Problemschüler prügeln sich im Klassenzimmer, bleiben dem Unterricht fern und landen oft irgendwann auf der Anklagebank. Zwei Richter haben diese Verhältnisse satt und wollen nicht weiter auf Lösungen von oben warten.

Katja Füchsel
Jugendrichter
Selbst sind die Richter. Kirsten Heisig und Günter Räcke -Foto: Wolff

Eine herzliche Begrüßung sieht anders aus. Rund 25 Neuköllner Hauptschullehrer blicken den Jugendrichtern am Ende des Konferenztisches entgegen, und jedes einzelne Pädagogengesicht scheint leicht gelangweilt zu fragen: „Na, und was habt ihr nun für tolle Ideen?“ Die Jugendrichter nehmen es gelassen. Kirsten Heisig und Günter Räcke kennen das schon von ihrer Tour durch Neukölln, „fast alle“ hätten erst mal so reagiert. „Wir sind hier, weil wir alle am selben Problem arbeiten – aber nebeneinander her“, beginnt Räcke. Der Richter trägt einen dunklen Pulli, Jeans, Brille.

Jugendgewalt – das ist das Problem, an dem sich die Lehrer in den Neuköllner Klassenzimmern und die Jugendrichter in den Gerichtssälen tagtäglich abarbeiten. Knapp 300 Schüler besuchen die Kurt-Löwenstein-Hauptschule, etwas mehr als 80 Prozent sind nichtdeutscher Herkunft. Und viele, die in ihrer Klasse als Problemschüler auffallen, als Dauerschwänzer und Schläger, landen eben auch irgendwann auf der Anklagebank von Heisig, Räcke & Co. Deshalb sind die Richter heute gekommen: Um zu reden, gemeinsame Aktionen zu planen.

Ab 1. Januar wird sich in Neukölln einiges ändern: Am vergangenen Freitag (23. November) hat das Präsidium des Amtsgerichts den Vorschlägen der Kollegen Heisig und Räcke, beide Mitte vierzig, zugestimmt: Sechs Jugendrichter wird es 2008 in dem Stadtteil geben, deren Zuständigkeit sich nicht mehr nach Postleitzahlen, sondern nach den Kiezen richtet. Heisig will beispielsweise das Rollbergviertel übernehmen, Räcke die Gegend rund ums Rathaus. Künftig soll hier nicht mehr wie sonst üblich rund ein halbes Jahr vergehen, bis ein Jugendlicher nach einem Diebstahl, Raub oder einer Schlägerei zur Rechenschaft gezogen wird. „Eine Woche nach der Tat soll der Jugendliche im Idealfall bei uns im Gerichtssaal stehen“, sagt Heisig. Der Chef der Moabiter Staatsanwaltschaft hat dafür einen eigenen Ankläger beauftragt. Das „vereinfachte Verfahren“, das jetzt in Neukölln vermehrt zum Einsatz kommen soll, sei nicht für die Serientäter, sondern für Fälle mit einfacher Beweislage gedacht, bei denen noch keine Gefängnisstrafe in Betracht kommt – trotzdem: „Wir können damit bis zu vier Wochen Arrest verhängen.“

Doch Räcke und Heisig wollen die Hauptschullehrer heute noch für eine andere Idee gewinnen: Bislang kamen die Richter an die Jugendlichen erst heran, wenn diese 14 Jahre alt und damit strafmündig waren – zu spät. „Wir haben es häufig mit Tätern zu tun, die mit 14 schon völlig dissozialisiert sind“, sagt Räcke. Deshalb müsse viel früher, bereits in der Schule, eingegriffen werden. Die hohe Zahl der Dauerschwänzer hinzunehmen, setze einen Teufelskreis in Gang: Die Kinder lernen nicht richtig Deutsch, sie haben keinen Abschluss, bekommen keine Ausbildung, geraten leichter auf die schiefe Bahn … „Bislang sind die Eltern dieser Kinder deutlich zu glimpflich weggekommen“, sagt Kirsten Heisig.

Was auch daran liegen könnte, dass für die „Schulversäumnis-Anzeigen“ bisher die Verkehrsrichter zuständig waren, die – wenn man den Lehrern und Richtern glaubt – einen Großteil der als Ordnungswidrigkeiten behandelten Verfahren einstellten. Viele Lehrer haben es deshalb längst aufgegeben, noch Anzeigen zu schreiben. Ab 2008 aber landen die Fälle auf den Tischen von Räcke und seinen Kollegen. „Wir werden die Anzeigen nachhaltig verfolgen“, versprechen die Richter. Wer sein Kind nicht zur Schule schicke, müsse in Zukunft auch als Hartz-IV-Empfänger mit Bußgeldern oder im schlimmsten Fall mit „bis zu sechs Wochen Erzwingungshaft“ rechnen.

Ein Jahr ist es her, dass die Jugendrichter Heisig und Räcke anfingen, über ihren Gerichtssaal hinauszublicken. Sie entschieden, dass die Zeit des politisch korrekten Schweigens vorbei sein muss und warnten öffentlich vor einer neuen Dimension der Jugendgewalt und dem Abrutschen einiger Bezirke. Ihr Appell im Tagesspiegel hatte erheblichen Wirbel ausgelöst und den Richtern unter anderem den Groll von Justizsenatorin Gisela von der Aue eingetragen. Einschüchtern ließen sie sich davon nicht. „Die Senatsverwaltungen rufen runde Tische ins Leben, geben Studien in Auftrag – aber die praktische Umsetzung lässt doch auf sich warten“, sagt Heisig im Lehrerzimmer – und siehe da, es huscht ein erstes, wissendes Lächeln über die Gesichter.

Heisig und Räcke wollten nicht mehr auf Lösungen „von oben“ warten, aber auch nicht zu denen zählen, die „immer nur nölen“. „Wir haben überlegt: Was können wir in unserem eigenen kleinen Bereich ändern?“, sagt Kirsten Heisig. Es war der Beginn eines Verhandlungsmarathons: Die Richter sprachen mit dem Präsidenten des Amtsgerichts, dem Chef der Staatsanwaltschaft, der örtlichen Polizei, dem Neuköllner Schulamt, dem Jugendamt, allen Leitern der Hauptschulen … „Um schnell reagieren zu können, brauchen wir kleine, kiezorientierte Einheiten“, sagen die Richter.

Für die Lehrer der Kurt-Löwenstein-Hauptschule ist die reine Wissensvermittlung noch das geringste Problem. Die Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt, hier leben viele Arbeitslose, viele Ausländer, die Kriminalität ist hoch, die Kaufkraft niedrig. Die Löwensteiner gelten als Vorbild in Neukölln, weil die Lehrer vor einigen Jahren nicht wie bei Rütli die weiße Fahne hissten, sondern selbst neue Wege suchten, um Unterricht wieder möglich zu machen: Störer werden nun in einen „Trainingsraum“ geschickt, um über ihre Fehltritte zu sinnieren, Schwänzer verfolgt ein Sozialarbeiter bis zur Haustür. Trotzdem schätzt einer der Lehrer den Anteil der praktisch nicht existierenden Schüler auf rund zwölf Prozent, „einige kenne ich nur vom Telefon“.

Mit jeder Minute, die die Richter vorne reden, wirkt das Kollegium etwas interessierter. Ob man nicht einen Infoabend für Schüler und Eltern veranstalten könne, wo über die neue Gangart aufgeklärt wird? „Wir wären dabei.“ Wo man erfahren könne, wie ein Strafverfahren eines Schülers ausgegangen sei? „Wir können Ihnen die Urteile mitteilen.“ Ob sie auch Lehrer unterstützen, die Opfer von Gewalt wurden? „Zeigen Sie jede Straftat an – niemand muss sich als Nazi oder Fotze beschimpfen lassen.“ So geht es etwa zwanzig Minuten lang.

Diskutieren wollen die Lehrer aber dann doch lieber hinter verschlossenen Türen. Heisig und Räcke stehen auf dem Flur und wirken recht zufrieden. Sie scheint eine ganz andere Angst zu quälen. „Schlimm wäre es, Erwartungen zu wecken, die man dann nicht erfüllen kann.“ Eines wird man ihnen aber nicht vorwerfen können: Es nicht wenigstens versucht zu haben.

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