• Schulschwänzer, Verweigerer, Hyperaktive: Wie Jugendliche in Berlin lernen, wieder zu lernen

Schulschwänzer, Verweigerer, Hyperaktive : Wie Jugendliche in Berlin lernen, wieder zu lernen

In einer Steglitzer Villa soll "Unbeschulbaren" beigebracht werden, konzentriert an etwas zu arbeiten. In diesem Alltag neben dem Alltag ist schon Anwesenheit ein Erfolg - und ein landendes Flugzeug kann alle Pläne zunichte machen.

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Fürs Leben lernen. Der Schulraum im sonnigen Souterrain der Steglitzer Villa.
Fürs Leben lernen. Der Schulraum im sonnigen Souterrain der Steglitzer Villa.Foto: Sebastian Dudey

Montage sind die Hölle. Montage müsste man abschaffen. Die gehen gar nicht. Montage, damit das gleich mal klar ist, sind der größte Dreck. Was soll das überhaupt?

An einem Montag in einem Keller in Steglitz blinzeln vier Jugendliche in die Realität einer neuen Woche. Gewöhnen sich noch daran. Das Wochenende hat sie gerade erst ausgespuckt, ihnen, wie mit Edding, dunkle Ränder um die Augen gezeichnet. Hat ihnen den Elan aus den Gliedern gedrückt. Sie hängen dort, schlaff, kaputt. Gähnende Müdigkeit.

Maruan, der feiern war, sich aber kaum erinnern kann. Die vergangenen 48 Stunden sind ein Video auf seinem Handy. 1 Minute 30 Sekunden. Wodkaflaschen auf einem Tisch vor zuckenden Disco-Lichtern. Grey Goose, Belvedere, halbe Meter hoch. Verflüssigtes Geld. Geil, oder?

Maruan, 16 Jahre alt, geht seit November 2011 nicht mehr zur Schule.

Sandra, die sich und ihre Haare im Display ihres iPhones richtet, ihr Make-up prüft, das den Schleier auf ihrem Blick nicht kaschieren kann. Will dabei, bitte schön, nicht gestört werden. Verzieht die Lippen. Duckface. Geil, oder?

Sandra, 16 Jahre alt, geht seit April 2013 nicht mehr zur Schule.

Julien, der auf Absturz unterwegs war. Jeden Abend. Am ersten konnte er nicht sprechen, am zweiten nicht laufen, am dritten hat er gekotzt. Geil, oder?

Julien, 15 Jahre alt, geht seit März 2013 nicht mehr zur Schule.

Und Nihat, der Neue, der kaum spricht. Was er am Wochenende gemacht hat, braucht niemand zu wissen.

Nihat, 15 Jahre alt, geht seit ein paar Monaten nicht mehr zur Schule.

Wohin jetzt? 1371 Schüler haben 2013 die Schule ohne Abschluss abgebrochen, das sind 4,9 Prozent der Abgänger in diesem Jahr.
Wohin jetzt? 1371 Schüler haben 2013 die Schule ohne Abschluss abgebrochen, das sind 4,9 Prozent der Abgänger in diesem Jahr.Foto: Sebastian Dudey

Er trägt, draußen Frühsommerhitze, eine Winterjacke mit Fellkapuze, eine Basecap der San José Sharks und einen alten Eastpak-Rucksack, der flach an seinem Rücken klebt. Nihat setzt sich. Frühstück im Keller. Und sagt: nichts. Schaut auf die Brötchen, die Wurst- und Käsepakete, und isst: nichts. Er sitzt da, den Körper zurückgelehnt, die Lider halb geschlossen. Und wartet, dass die Zeit vergeht. Zählt die Minuten runter, bis er aufstehen und gehen kann. Die Uhr tickt. Langsam. Die Zeit läuft. Nihat will einen Abschluss machen. Nihat bewegt sich nicht. Die Zeit läuft. Gegen ihn.

Er, wie die anderen auch, muss hier sein. Hat Auflagen. Vom Jugendamt. Das hier, dieser Keller, ist seine vielleicht letzte Chance.

„Wir müssen immer sehen, welche Perspektiven wir ihnen bieten können. Ziel aber ist es, dass sie irgendwann hoffentlich zu glücklichen Steuerzahlern werden.“ (Rouven Reschop, Koordinator ATP)

Montage sind immer anders, sagt Guido. Der einzige Erwachsene in diesem Keller, der Einzige mit echtem Namen in dieser Geschichte. Er, der Sozialarbeiter, sitzt dort und versucht, seinen Jugendlichen das Wochenende auszutreiben. Montage sind Nichttage. Montage sind Inventurtage. Schäfchenzähltage. Wer ist da, wer nicht und warum. Er zählt. Null bis sieben Jugendliche, sagt Guido, an einem Montag ist alles möglich. Dann ruft er die Betreuer an, die Wohngruppen oder die Eltern. Fragt: Wo ist Ihr Sohn, Ihre Tochter?

Guido trinkt Kaffee. Guido steht in der Küche im Keller, Souterrain, die Decke so niedrig. Den Himmel sieht man hier selten.

Er steht dort und fragt: Könntet ihr? Würdet ihr? Wir sollten heute. Am Montag muss der Keller geputzt werden. Guido, unter der niedrigen Decke, rennt gegen die Wand.

Nein.
Ich kann nicht.
Ich will nicht.
Verpiss dich.
Das kann ich nicht.
Mach das doch selber.
Hau ab.

Guido sagt: Heute ist ein guter Tag. Es geht noch viel schlimmer.