• Schulsenator ausgebremst: Die Bürokratie seiner Behörde stellt sich die eigenen Beine

Berlin : Schulsenator ausgebremst: Die Bürokratie seiner Behörde stellt sich die eigenen Beine

Susanne Vieth-Entus

Ungeachtet des großen Lehrermangels in den berufsbildenden Schulen legt das Landesschulamt Bewerbern für das Referendariat offenbar Steine in den Weg. Drei frisch gekürte Diplom-Handelslehrer der Humboldt-Universität seien zum nächsten Einstellungstermin im November aus rein formal-bürokratischen Gründen nicht genommen worden, berichtet der Verband der Lehrer an Wirtschaftsschulen (VLW). Dies sei ein "Skandal ersten Ranges" und widerspreche den Zusagen von Schulsenator Klaus Böger (SPD), den Mangel an Berufsschullehrern durch eine flexiblere Einstellungspolitik zu bekämpfen.

Laut VLW-Sprecher Klaus Gehrmann sind zwei der drei Bewerber inzwischen in Bayern eingestellt worden. Auch Niedersachsen verhalte sich "großzügiger" bei der Handhabung von Bewerbungen als Berlin. Der dritte Handelslehrer wolle aber in Berlin bleiben, weil er hier Familie habe. Gehrmann hofft nun darauf, dass Böger ein Machtwort spricht.

Das Landesschulamt bezieht sich in seiner Absage vom 30. August auf die "Verordnung über die Zulassung zum Vorbereitungsdienst für ein Lehramt". Dort ist festgelegt, dass bereits zum Bewerbungstermin alle Zulassungsvoraussetzungen nachgewiesen werden müssen. Da dies nicht der Fall gewesen sei, müsse man die Unterlagen zurückreichen und auf den nächsten Bewerbungstermin im Mai verweisen, heißt es im Schreiben an den Nachwuchslehrer. Dabei war längst absehbar, dass bis zu Vereidigung im November alle Voraussetzungen erfüllt sein würden. Bürokratisch korrekt wird - mit Bedauern - darauf hingewiesen, dass "wir unvollständige Bewerbungen zurückschicken müssen".

Dem betreffenden Bewerber, einem 29-jährigen Mann aus Prenzlauer Berg, fehlte lediglich die Benotung seiner Diplomarbeit. Aus diesem Grunde hatte er seinen Professor vom Institut für Wirtschafts- und Erwachsenenpädagogik der HU, Jürgen van Buer, um ein Begleitschreiben gebeten, das dieser auch unverzüglich verfasste. Dort bestätigt er, es weise "alles darauf hin", dass sein Student die Diplomarbeit erfolgreich bestehen werde. Das Landesschulamt ließ sich davon allerdings ebenso wenig beirren wie von den passablen Noten der Prüfungen, die bereits abgelegt worden waren. Auch das Abschlusszeugnis der vorangegangenen Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann (Note 1,4) aus dem Jahre 1992 half da nicht weiter.

Schulsenator Böger hatte in der Vergangenheit immer wieder zugesagt, den Lehrermangel durch eine flexiblere Personalpolitik bekämpfen zu wollen. So sollen auch von außen Fachkräfte hinzugezogen werden, um die Berufsschüler zu unterrichten. Zudem änderte das Parlament das Schulgesetz, um überproportional viele Berufsschullehrer einstellen zu können. Das große Defizit war nicht zuletzt entstanden, weil Berlin Junglehrern jahrelang nur Teilzeitstellen bot und sie damit in andere Bundesländer abdrängte.

Bögers Sprecher Thomas John sagte gestern, der Fall werde "geprüft". Wenn es rein rechtlich möglich sei, eine Ausnahme zu machen, werde man dies auf jeden Fall tun.

"Die Flexibilität der Verwaltung ist gefragt", fordert Roswitha Mätzig-Wurm, Lehrerin am Tiergartener Oberstufenzentrum Banken und Versicherungen. Angesichts des Fachkräftemangels an ihrer Schule versteht sie nicht, wie man noch immer Lehrer in andere Bundesländer abwandern lässt. So sei eine der jetzt nach Bayern abgedrängten Handelslehrer Versicherungskauffrau, für die es auch in ihrer Schule einen großen Bedarf gebe. Nun müsse man den Mangel von Jahr zu Jahr weiter verwalten.

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