Berlin : Schulsenator hat jungen Lehrern nichts zu bieten

Trotz Unterrichtsausfalls und Nachwuchsmangels werden Referendare nicht eingestellt

Susanne Vieth-Entus

Der November war ein schlechter Monat für Berlins 400 Referendare: Kaum hatten sie ihr zweites Staatsexamen in der Tasche, da waren sie arbeitslos. Sie und alle die anderen Junglehrer, die auf Einstellung warten, wollen heute vor dem Roten Rathaus symbolisch einen „Berliner LehrerInnen-Arbeitsmarkt“ abhalten, um auf ihre fehlenden Berufsaussichten hinzuweisen. Die Bildungsgewerkschaft GEW hat die Aktion geplant.

Die Entlassung der frisch ausgebildeten Lehrer in die Arbeitslosigkeit kommt auch an den Schulen schlecht an. Sie würden die Nachwuchskräfte gern behalten. In der vergangenen Woche protestierten mehrere Zwölftklässlerinnen des Schöneberger Robert-Blum-Gymnasiums gegen die Entlassung ihrer Referendarin, ohne die der reguläre Unterricht gar nicht abzudecken sei. Inzwischen wurde immerhin ein Fristvertrag ausgehandelt.

Mit Fristverträgen allein sind aber nicht alle Junglehrer zu halten. Andere Bundesländer locken mit wesentlich besseren Konditionen. Die GEW hat errechnet, dass Lehrer andernorts bis zu 1000 Euro mehr pro Monat erhalten, seitdem in Berlin Urlaubs- und Weihnachtsgeld weggefallen sind und bevorzugt Teilzeitverträge angeboten werden. Zudem gehört Berlin zu den wenigen Bundesländern, die Lehrer nicht mehr verbeamten: Auch dies mindert die Konkurrenzfähigkeit.

Auf die Dauer wird es sich Berlin kaum leisten können, die Lehrer jahrelang auf eine Anstellung warten zu lassen. Denn in den nächsten zehn Jahren werden hier rund 9000 neue Lehrer gebraucht, und schon jetzt gibt es in Mathematik, Musik, Physik, Latein, Sonderpädagogik, Informatik und in mehreren Berufsschulfeldern nicht genügend Nachwuchs. CDU-Bildungsexperte Gerhard Schmid plädiert deshalb dafür, in den Mangelfächern sofort Lehrer einzustellen und nicht abzuwarten, dass sie den Beruf wechseln oder in andere Länder ausweichen. Er befürwortet die GEW-Aktion, da sie „den Finger in die Wunde legt“.

GEW-Geschäftsführer Udo Jeschal verbindet mit dem Protest vor dem Roten Rathaus die Hoffnung, Einfluss auf die laufenden Haushaltsverhandlungen zu nehmen und zu verhindern, dass die Zahl der Referendariatsplätze von 1700 auf 1500 gekürzt wird. Auch die Bündnisgrünen fordern angesichts des absehbaren „dramatischen Lehrermangels“, ab 2007 wieder mehr Referendare auszubilden.

Zurzeit sind die Aussichten der Bewerber katastrophal: So drängen sich 275 Bewerber um 15 Referendariatsplätze im Fach Deutsch, 144 um 28 Englischplätze. Selbst von den nur 16 Bewerbern für Physik werden nur zehn genommen und nur vier von sieben Interessenten für Informatik. Insgesamt erhielten rund 1000 Bewerber, die zum 1. Februar beginnen wollen, eine Absage. Aber Bildungssenator Klaus Böger (SPD) sind die Hände gebunden. Solange es rein rechnerisch genug Lehrer gibt, erlaubt der Senat keine Neueinstellungen. Nächste Woche liegen die lang erwarteten Zahlen über die aktuelle Lehrerausstattung vor.

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