Berlin : Schulsenator will Ethik als Pflichtfach

Bögers Vorschlag: Schüler können auf Religion ausweichen – auch Islamunterricht wird angeboten. Lebenskunde soll künftig wegfallen

Susanne Vieth-Entus

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat jetzt erstmals seine Vorstellungen zum neuen Werte- und Religionsunterricht formuliert. Er schlägt vor, ab 2005/06 ein staatliches Pflichtfach einzurichten, das „Ethik/Philosophie“ oder „Lebensgestaltung, Ethik, Religion“ (LER) heißen soll. Alternativ sollen Kinder die Möglichkeit bekommen, Religionsunterricht zu erhalten. Dazu will Böger auch das Fach „Islamkunde“ für muslimische Kinder anbieten.

Das bisherige Lebenskunde-Angebot soll gestrichen werden. Die Lebenskundelehrer sollen dafür die Möglichkeit erhalten, das neue Pflichtfach zu unterrichten.

Generell sollen alle Kinder an diesem Fach teilnehmen. Allerdings zeigt die Erfahrung in Brandenburg, dass auch die Religionsgemeinschaften Anspruch darauf erheben, an den Schulen vertreten zu sein. Da sie über das Bundesverfassungsgericht erreicht hatten, dass sich Schüler vom Brandenburger Fach LER abmelden können, will Böger diese Möglichkeit von vornherein auch in Berlin einkalkulieren.

Jetzt muss geklärt werden, welche Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften als Alternative zu LER auftreten können. Die Bildungsverwaltung geht davon aus, dass das auf jeden Fall die Katholische und Evangelische Kirche sein werden, die auch an den Brandenburger Schulen präsent sind. Der Humanistische Verband ist in Brandenburg mit seinem Fach Lebenskunde bisher nicht dabei: Das Potsdamer Bildungsministerium meint, dass LER inhaltlich so stark mit Lebenskunde übereinstimme, dass sich ein paralleles Angebot nicht rechtfertigen und nicht einklagen lasse.

Darauf setzt auch Böger. Allerdings hat er kein Interesse daran, den Humanistischen Verband gegen sich aufzubringen, der in Berlin immerhin 33000 Schüler unterrichtet und historisch stark mit der Berliner SPD verwoben ist. Um die Wogen zu glätten, hat Böger nun vorgeschlagen, dass die Lebenskundelehrer künftig LER unterrichten könnten.

Damit will sich der Humanistische Verband aber nicht abfinden. Bildungsexperte Werner Schultz sagte auf Anfrage, dass sich sein Verband nicht aus der Schule herausdrängen lasse. Zur Not werde man – wie in Brandenburg – den Klageweg beschreiten. Schultz erwartet noch 2004 das Urteil des Landesverfassungsgerichts zu der Frage, ob der Lebenskundeunterricht eine Alternative zu LER in Brandenburg sein kann.

Nicht weniger heikel ist die Frage, welches Angebot den muslimischen Schülern gemacht werden kann. Solange in den islamischen Glaubensgemeinschaften eine „so unklare Situation“ herrsche, möchte Böger sie nicht als Alternative zu dem neuen Pflichtfach zulassen, sondern stattdessen das Fach „Islamkunde“ auf den Weg bringen. Die entsprechenden Lehrer könnten im Fach Islamwissenschaft an der Freien Universität ausgebildet werden, so Böger. Ein Konzept für Islamkunde gibt es bereits. Bögers Vorgängerin Ingrid Stahmer (SPD) hatte es erarbeiten lassen, aber Böger ließ es nach seinem Amtsantritt in der Schublade.

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