Berlin : Schuluniform: Die Leute haben geguckt

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Dienstag, große Pause im Willi-Graf-Gymnasium Steglitz. Auf den ersten Blick ist alles wie immer - wenn da nicht ständig neugierige Blicke zu einer ganz bestimmten Schülergruppe wandern würden. Dann folgt Getuschel und wieder ein Blick. Die beäugte Gruppe erträgt es stoisch und bleibt zusammen bis zum Klingeln. Das war sie: die erste große Pause in Schuluniform.

Die Klasse 8c geht in ihren Raum zurück und tauscht erste Erfahrungen aus. Wie war es, morgens nicht den Kleiderschrank zu befragen, sondern einfach nach dem Sweatshirt mit dem Schulemblem zu greifen? Haben die Leute im Bus oder auf der Straße überhaupt Notiz davon genommen, als die Jugendlichen ganz in blau mit akuratem hellblauem Polo-Kragen auftauchten?

Und wie! Tobias hatte sogar den Eindruck, dass einige Autofahrer für Augenblicke den Verkehr aus den Augen verloren. Susanne fragte sich auf dem Schulweg, "warum die Leute so gucken", bis ihr einfiel, dass es ja an ihren Klamotten liegen könnte. Und Marissa bekam "blöde Bemerkungen" zu hören, fand das aber gar nicht schlimm, weil sie über die neugierigen Nachfragen mit anderen Jugendlichen in Kontakt kam.

Nicht jeder kann so mit "blöden Bemerkungen" umgehen. Stephan etwa, der normalerweise punkige Sachen bevorzugt, hat sich extra ein Stück von seiner Mutter fahren lassen, um der Öffentlichkeit noch ein paar Minuten länger zu entgehen. Jacob nahm aus demselben Grund das Fahrrad anstelle des Busses. Paulina hingegen ist "extra mit dem Bus gefahren, um zu sehen, wie die Leute reagieren" und stellte dann auch befriedigt fest, "dass die Leute genau geguckt haben, was ich trage".

Über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich die Klasse wirklich nicht beklagen. Nachdem am Montag schon etliche Sender über den Modellversuch des Tagesspiegels, an dem auch die Heinrich-Ferdinand-Eckert-Hauptschule (Friedrichshain) teilnimmt, berichtet hatten, tauchte auch gestern wieder ein Fernsehteam auf. Alle wollen wissen, wie das ist, mit einheitlicher Schulkleidung, in einem Land ohne entsprechende Tradition.

Es gibt einen gewissen Gewöhnungsbedarf. Lisa etwa hatte am Vorabend ein "komisches Gefühl" beim Einschlafen, aber schon gestern morgen war "alles wieder okay". Überhaupt herrscht in ihrer Klasse gute Stimmung. Keine Spur von Reue, dem Modellversuch zugestimmt zu haben. Ganz anders die Reaktionen der Mitschüler. In den älteren Klassenstufen gibt es große Bedenken gegen die "Gleichmacherei". Der 18jährige Frederick befürchtet, "ein Stück Persönlichkeit" gehe verloren. Benedict,16, warnt davor, dass über die nagelneuen Kleidungsstücke der Blick auf den schlechten baulichen Zustand der Schule verdeckt werden könnte.

Befürworter des Versuchs gibt es allerdings nicht nur in der 8c. Eine Umfrage in mehreren Klassenstufen der Graf-Schule ergab, dass 224 Schüler die Uniformen ablehnen, immerhin 157 sie aber gutheißen. 84 Schüler enthielten sich der Stimme.

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