Berlin : Schuluniformen: Einkleiden für die Aktion Klassengefühl

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Von heute an kann man zwei Berliner Schulklassen schon aus zehn Metern Entfernung erkennen: 50 Jugendliche aus Steglitz und Friedrichshain haben sich dafür entschieden, bis zu den Sommerferien "Schuluniform" zu tragen. Das enthebt sie nicht nur der morgendlichen Kleiderfrage. Die Acht- und Zehntklässler erhoffen sich einen besseren Zusammenhalt und weniger Stress durch Markenzwang. Gestern fiel der Startschuss mit einer kleinen "Modenschau" im Beisein von Schulsenator Klaus Böger.

"Rock your body", quoll aus den Aula-Lautsprechern der Willi-Graf-Oberschule, als die Schüler gestern ihre neuen Outfits aufgeregt und gut gelaunt auf dem Laufsteg präsentierten. Die "Grafen" aus der 8a hatten sich für eine Kombination aus hellblauem Polohemd und dunkelblauer Hose mit passendem Sweatshirt entschieden. Lieber in Schwarz hüllt sich die 10c der Friedrichshainer Heinrich-Ferdinand-Eckert-Oberschule. Nur die weißen Poloshirts lockern ihren strengen Schuldress auf.

Bei so viel Noblesse kann es nicht wundern, dass einige Jungs schon erwägen, ihre Schuluniformen zu den anstehenden Bewerbungsgesprächen anzuziehen. Im Vordergrund steht in der 10c aber der Wunsch, in den letzten Schul-Monaten noch etwas vom Markenzwang wegzukommen, wie Mitschüler Chris Gottwald betont.

Sogar seine Mutter war gestern bei der "Modenschau" dabei. Wenn es nach ihr ginge, müssten auch noch Jacken und Schuhe zum gemeinsamen Outfit gehören. Sie nimmt an, dass sie mit der standardisierten Schulkleidung billiger fahren würde: Während sie jetzt für eines der angesagten Marken-Sweatshirts ihres Sohnes schon mal 150 Mark hinblättern muss, wären für die gesamte neue "Uniform", bestehend aus Hose, Poloshirt und Sweatshirt, nur rund 200 Mark zu zahlen. Dies hat jedenfalls Detlef Steffens ausgerechnet. Der Geschäftsführer der "Sportarena" in der Galeria Kaufhof hatte entschieden, dass sein Haus pro Schüler zwei Garnituren sponsert.

Diese ernsten Beweggründe traten gestern allerdings erstmal in den Hintergrund. Der Tag begann mit der fieberhaften Suche in den Kleiderkisten nach den passenden Größen. "Hast Du noch eine 50er Größe von den Poloshirts?", "Wo sind die kürzeren Hosen?" - so fragte und wuselte es bereits am frühen Morgen in der Steglitzer Aula, bevor alle in die Umkleideräume verschwanden. Als dann gegen 12 Uhr Schulsenator Klaus Böger und Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo eintrafen, standen alle geschniegelt und gestylt parat.

Schulleiter Eberhard Jahn nutzte die Gunst der Stunde, um auch ein paar kritische Töne anzuschlagen. Schuluniformen seien ja gut und schön, aber es müssten auch junge Lehrer her, Mittel für die bauliche Unterhaltung, Vertretungskräfte. Lehrer Klaus Kortstock fragte, wie sich Jugendliche mit einer Schule identifizieren könnten, wo der Putz herunterfällt. Die Schüler selbst meinten, sie fänden ihre Schule ganz okay, nur der Zusammenhalt in der Klasse solle besser werden. Deshalb habe man sich so spontan für das Tagesspiegel-Projekt entschieden.

"Es ist ein Experiment, und alles ist möglich", gab Annette Kögel den Klassen mit auf den Weg. Die Tagesspiegel-Redakteurin hatte den Modellversuch seit März organisiert und konnte sich vor Anfragen kaum retten. Nun beginnt die spannende Phase der Umsetzung. "Im Bus morgen wird es peinlich für mich", sagt Maik Gregor. Der Friedrichshainer ist auf alles gefasst.

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