Berlin : Schuluniformen: "Wir müssen das Experiment durchziehen"

kög

Wenn man den Weg für eine berlinweite Einführung einheitlicher Schulkleidung von vorneherein ebnen wollte, hätte man bei einem Modellversuch wohl nicht unbedingt die Bewerbung der Klasse 10c von der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Schule berücksichtigt. Das ist ein netter Rabaukenhaufen - beziehungsweise "eine totale Chaotenklasse", wie Klassensprecherin Lucienne undiplomatischer sagt. Aber eben mit all jenen Voraussetzungen, die uns bei einer Test-Klasse wichtig waren: ausgeprägtes Markenbewusstsein, Cliquenwirtschaft, der Wille, es einer besseren Klassengemeinschaft zuliebe zusammen zu versuchen. Bei den Friedrichshainern zeigen sich nun nach fast vier Wochen erste Auflösungserscheinungen: Drei, vier Schüler sind genervt und mögen einfach nicht mehr jeden Tag den gleichen Dress anziehen. Andere wiederum machen sich stark dafür, "das Experiment" durchzuhalten. Christian Scholz zum Beispiel. Der 18-Jährige misst den Beliebtheitsgrad eines Jugendlichen nicht am Logo auf dem Pulli oder der Schlagweite der Hose. Für den Tagesspiegel hat er Passagen aus seinem Tagebuch zusammengefasst.

"Alle starren dich an"

Am 21. Mai 2001 haben wir unsere Schulkleidung bekommen. Diese dürfen wir nun bis zum Ende des Schuljahres tragen. Es ist nicht ganz leicht, sich daran zu gewöhnen. Als ich am ersten Morgen das Haus in der Schulkleidung verließ und zum Unterricht ging, war das ganz komisch. In der U-Bahn hatte ich das Gefühl, dass mich alle Fahrgäste anstarrten.

"Unangenehmes Gefühl im Magen"

Aber so war es gar nicht, eigentlich war es so wie jeden Morgen. In der Schule sah das da schon ganz anders aus. Meine Klasse stand vor der Schule, und alle anderen Mitschüler guckten zu uns herüber und tuschelten.

Aber es war okay, keiner machte einen dummen Spruch oder Ähnliches und so verschwand das unangenehme Gefühl in meinem Magen langsam wieder. Trotzdem war unsere Klasse noch über mehrere Tage Blickfang an unserer Schule. Als dann die Medien des Öfteren über uns berichteten, wurden auch die Leute auf der Straße aufmerksam. Besonders wenn wir in der Gruppe unterwegs waren, fielen wir den Passanten auf. Und das war eigentlich immer ein angenehmes Gefühl, jedenfalls wenn unsere Klasse zusammen war.

"Anfangs die Uniform fast vergessen"

Doch so ganz haben wir uns an die Schuluniform noch nicht gewöhnt. Nach Pfingsten hätte ich am Dienstagmorgen beinahe vergessen, sie anzuziehen. Ich stand bereits in Schuhen fertig im Flur, als mir auffiel, dass ich die falschen Kleider trug. Aber jetzt passiert mir das nicht mehr. Und auch an unserer Schule ist der Alltag wieder eingekehrt.

"Die Mehrheit aller Schüler dafür"

Unsere Lehrer haben eine Umfrage an der Schule gestartet, und das Ergebnis fiel sehr positiv aus. Die Mehrheit der Schüler könnte sich vorstellen, eine Schuluniform zu tragen. Wir haben bei uns sogar schon ein paar einheitliche T-Shirts hergestellt .... Vielleicht werden bald alle an unserer Schule die T-Shirts tragen.

"Nicht wie Verlierer dastehen"

Irgendwo ist das Ganze auch wegen der vielen Presse- und Fernsehleute eine sehr aufregende Sache. Unsere Klasse gehört jetzt zu einer kleinen, seltenen Gemeinschaft. Einige überlegen, aufzuhören. Es ärgert mich, dass manche mit dem Experiment nicht klarkommen. Wir haben uns alle darum beworben, mitzumachen, und ich finde, wir müssen das jetzt auch durchziehen. Sonst stehen wir ja gegenüber der Klasse aus Steglitz wie Verlierer da. Was unsere Klassengemeinschaft angeht: Ich finde, da hat sich noch nicht so viel geändert. Als wir neulich für Journalisten im Unterricht erst unsere Schulkleidung und dann unsere normalen Sachen anziehen sollten, meinte unsere Klassensprecherin Lucy, dass wir uns ohne Uniform gleich wieder ganz anders, viel chaotischer, benommen haben. Ich bin jedenfalls auf die noch vor uns liegende Zeit gespannt und hoffe, dass wir das Experiment erfolgreich beenden können.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben