Berlin : Schulversäumnis: Schwänzer sollen kein Schlupfloch mehr finden

Susanne Vieth-Entus

Man trifft sie später in Statistiken über Analphabetismus wieder oder in den Arbeitsämtern in der Rubrik der Ausbildungslosen: die notorischen Schwänzer, die über Monate und Jahre der Schule fernbleiben. Ihre Zahl geht in die Tausende und wächst weiter. Allein im vergangenen Schuljahr erstatteten die Bezirke etwa 2000 Schulversäumnisanzeigen. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer, weil einige Bezirke nicht alle Fälle so konsequent verfolgen wie Neukölln, das es allein auf über 900 Anzeigen brachte.

"Das Schulschwänzen ist ein zunehmendes Problem", konstatiert Regina Knoblauch, Leiterin der schulpsychologischen Beratungsstelle Charlottenburg-Wilmersdorf. Gerade erst habe sich eine Arbeitsgemeinschaft des Bezirks und freier Träger mit dem Thema befasst. Schlussfolgerung sei gewesen, dass man die gefährdeten Kinder "aufsuchen" müsse, also nicht darauf warten, dass sie ganz abdrifteten.

Dieser Idee folgt ein neues Projekt, das bereits beim Übergang auf die Oberschule ansetzt, um die "schwarzen Schafe" rechtzeitig einzufangen: In Hellersdorf kümmert sich seit einem Jahr ein Sozialpädagoge um die notorischen Schwänzer an der Jean-Piaget-Hauptschule. Die Stelle wird finanziert von der Bürger Stiftung Berlin, deren Schirmherr Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist. Entscheidend ist, dass die Schwänzer-Gruppe schulfern in einem separaten Gebäude betreut wird. Die bisherigen Erfahrungen sind so positiv, dass es auf drei weitere Hauptschulen ausgedehnt werden soll, und zwar in Neukölln (Keppler-Schule), Charlottenburg (Pommern-Schule) und Wilmersdorf (Rudolf-Diesel-Schule).

Von Schwänzern, die "immer jünger werden", berichtet die Schulleiterin der Piaget-Schule, Sabine Geschwandtner. Oft handele es sich um Kinder, die in der fünften oder sechsten Klasse sitzen geblieben seien. Dabei verlören sie nicht nur ihren vertrauten Klassenverband, sondern auch die Motivation. Generell nehme die "Schulunlust" zu. Meist gebe es im Hintergrund "sozial schwierige Familien", geprägt von Alkoholproblemen, Scheidung oder Arbeitslosigkeit. Es komme aber auch vor, dass sich die Eltern sehr sorgten. Die säßen dann bei ihr - "weinend und völlig fertig".

Dies aber ist nicht die Regel. Dieter Hohn, Leiter der Pommern-Schule, hat oft mit "desinteressierten" Eltern zu tun. Es komme sogar vor, dass die Kinder von der Schule ferngehalten würden, damit sie auf ihre kleinen Geschwister aufpassten, und "die Eltern in Ruhe saufen gehen können". Hohn verweist auf Irland, wo es für Brennpunktschulen spezielle Lehrer gebe, die sich ausschließlich um die Elternarbeit kümmerten. Allein an seiner Schule sind etwa 15 bis 20 von 240 Schülern notorische Schwänzer.

Ähnlich sieht es an der Diesel-Schule aus. In jeder der 19 Klassen gebe es etwa zwei Schulverweigerer, noch vor zehn Jahren sei es nicht einmal einer pro Klasse gewesen, resümiert Schulleiterin Margarete Straub. Auch sie begrüßt das neue Projekt, weil es in höheren Klassen oft schon zu spät sei, die Kinder zurückzuholen. Auch Straub beklagt, dass sich die Eltern oftmals nicht genug kümmerten.

Die Bezirke reagieren unterschiedlich darauf. Am entschiedensten geht offenbar Neukölln vor. Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) bestärkt die Schulen, Schulversäumnisse nicht "durchgehen" zu lassen, sondern konsequent zu verfolgen. Das Ergebnis sind die genannten 932 Schulversäumnisanzeigen. In 223 Fällen erfolgten rechtskräftige Bußgeldbescheide. Pro Fehltag werde 10 Mark berechnet, sofern es sich um einen erstmaligen Fall von angezeigter Schwänzerei gehandelt habe, erläutert Schimmang. Auch Sozialhilfeempfänger würden zur Kasse gebeten. Bei notorischen Schulverweigerern setzt sich der Stadtrat auch für die polizeiliche Zuführung ein. "Das Schwänzen ist weniger geworden", lautet sein Resümee seit Einführung der härteren Gangart.

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