Berlin : Schulverweigerer: "Nicht ausrasten, schön schreiben"

Jeannette Goddar

Seit er zurückdenken kann, fiel Florian der Weg in die Schule schwer. Schon in der zweiten Klasse, erinnert er sich, habe er seine Mitschüler angerempelt, auch schon mal einem ein Bein gestellt. Vermutlich, aber das sagt er nicht, hat der ein oder andere auch schon mal kräftig zurückgerempelt.

Auch die schulischen Leistungen waren nie überzeugend: Sobald es ans Schreiben ging, war Florian der Langsamste in der ganzen Klasse. Lehrer wie Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, sagt er. In solchen Situationen sei er "komplett ausgerastet" - bis er in der sechsten Klasse einen Mitschüler fast krankenhausreif geprügelt habe. Das war im vergangenen Sommer.

Seitdem besucht der 13-Jährige nicht mehr seine alte Schule, sondern eine eigene Klasse für so genannte Schulverweigerer an der Jean-Piaget-Oberschule in Hellersdorf. Mit fünf anderen 12- bis 14-Jährigen, die eigentlich in die siebte oder achte Klasse gehören, wird er von acht Uhr morgens bis mittags um zwei von zwei Lehrern und einem Sozialpädagogen betreut. Statt mit Unterricht beginnt der Morgen mit einem Frühstück. Anschließend setzt man sich in den "Morgenkreis" und redet zum Beispiel über Stress und wie man damit umgeht. Erst um zehn beginnt der eigentliche Unterricht.

Wer zuvor an herkömmlichen Schulen nicht zurechtkam, wird hier in Zweier- oder Dreiergrupppen betreut. Im Mathematikunterricht werden Aufgaben vorgelegt, die die Schüler auch lösen können, bei der Arbeitslehre schaut ihnen an der Nähmaschine eine Lehrerin lobend über die Schulter und erklärt ein ums andere Mal, wie die Maschine funktioniert. Im Erdkundeunterricht werden wieder und wieder die Kontinente durchgesprochen. Doch wenn es Florian zuviel wird und er das Gefühl hat, dass er im nächsten Moment wieder ausflippt, dann darf er kommentarlos ein paar Minuten rausgehen.

Das Projekt an der Hellersdorfer Schule ist ein Projekt für Schulverweigerer, wie sie in den vergangenen Jahren bundesweit immer häufiger eingerichtet werden (müssen). Laut dem Konzept, das die Schulleiterin Sabine Geschwandtner gemeinsam mit Sonderpädagogen und Psychologen entwickelt hat, will man vor allem jene auffangen, die den Übergang von Grund- zu Oberschule nicht verkraften. "Beim Eintritt in die Pubertät werden verhaltensauffällige Kinder oft noch auffälliger", sagt Geschwandtner, "dazu kommen dann gleichzeitig der Schulwechsel, die Anonymität einer neuen Klasse, neue Bezugspersonen. Das verkraften viele nicht."

Sechs- bis achthundert Schüler fallen nach Schätzungen von Schulrätin Heike Kaack allein in Hellersdorf unter das Stichwort "Schulverweigerer". Bundesweit, so wird in der vom brandenburgischen Bildungsministerium herausgegebene Studie "Schulverdrossenheit und Schulverweigerung" geschätzt, sind mehrere hunderttausend Schüler regelmäßige Schwänzer. Zehntausend gelten demnach als "Totalaussteiger".

Unter "Schulverweigerern" versteht man nicht nur die notorischen Zu-Spät-Kommer und Schwänzer. Sich der Schule zu verweigern, kann auch heißen: beharrlich den Unterricht zu stören, Lehrer wie Mitschüler zu belästigen, ständig rauszurennen, nie zuzuhören. Bis ein so genannter "unbeschulbarer" Schüler zum Totalaussteiger wird, vergehen oft Jahre.

Um zu verhindern, dass die Schüler sich hier genau so benehmen wie in ihrer vorherigen Klasse, werden beim Eintritt in das Jean-Piaget-Projekt ein paar verbindliche Regeln vereinbart: Ausreden lassen, lautet eine; keine Gewalt eine andere. Ganz wichtig dabei ist für die Schüler auch, dass sie lernen, sich nicht provozieren zu lassen. Auf einer Tafel im Flur, an der die Leistungen der Schüler eingetragen werden, steht in einer der Spalten: "Ignorieren von Störungen einzelner Mitschüler." "Wenn wir nicht von Anfang an einige Regeln festschreiben würden, dann würde der Unterricht auch hier nicht funktionieren", sagt die Lehrerin Uta Haupt.

Nach einem halben, spätestens nach einem Jahr sollen Florian und seine Mitschüler wieder in eine "normale" Schule integriert werden, dort einerseits dem Unterricht folgen, sich aber auch sozial einfügen können. "Der Unterrichtsstoff ist oft das geringste Problem", sagt Geschwandtner. "Wenn die Schüler lesen, schreiben, rechnen können, holen die den Rest auf."

Die Erfolgsquote des Hellersdorfer Projekts liegt bei 60 bis 70 Prozent. Weil diese Zahl relativ hoch ist, soll das Konzept, das von der Bürgerstiftung Berlin unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse mitfinanziert wird, in den nächsten Monaten auf drei weitere Schulen in Charlottenburg, Neukölln und Wilmersdorf übertragen werden. Insbesondere bei denen, die nach der siebten oder achten Klasse doch wieder aus dem Schulsystem herausfallen, war die Verweigerung oft nur ein Symptom, hinter dem sich Missbrauchs-, Gewalt-, und Drogenerfahrungen verstecken. Auch Angstzustände, psychische Probleme und Depressionen sind häufig Ursachen von "Unbeschulbarkeit".

Florian jedenfalls ist fest entschlossen, nach diesem Halbjahr wieder in den Regelunterricht zu kommen. Was er bis dahin können muss, hat er brav auswendig gelernt: "Nicht so schlimme Wörter sagen, nicht ausrasten, schön schreiben." Die siebte Klasse Hauptschule stünde dann auf dem Programm. Und fleißig lernen: Wenn er groß ist, möchte Florian Elektrotechniker werden.

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