Schummelei bei Prüfung : Neuer Mathetest: Eltern wollen klagen

Sie haben gebüffelt und Ängste ausgestanden - und dann war alles umsonst: Berlins 28.000 Zehntklässler sollen ihre zentrale Mathematikarbeit für den Mittleren Schulabschluss nochmal schreiben.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hat eine Wiederholung der Prüfung angeordnet, weil eine große Zahl von Schülern die Aufgaben schon vor dem Prüfungstermin kannte. Wie dies geschehen konnte, ist nach wie vor unklar. Der „Spiegel“ berichtete am Wochenende, die Prüfungsaufgaben seien nicht versiegelt, sondern nur mit Klebeband verschlossen gewesen. Dem widersprachen Berliner Schulleiter. „Die Klausuren waren im Umschlag mit Klebeband und Siegel“, sagte Wolfgang Harnischfeger von der Vereinigung Berliner Schuldirektoren. Jedenfalls muss die Prüfung nun wiederholt werden. Hinter dieser Entscheidung steht zwar der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit – nicht aber Eltern, Schüler und Lehrer. Und die wollen nicht stillhalten.

Die Schüler planen für Montag um elf Uhr vor dem Roten Rathaus eine Demonstration gegen die Wiederholung der Prüfung, die für den 23. Juni angesetzt ist. Der Landeselternausschuss will klagen: „Wir haben drei Anwälte drangesetzt“, unterstreicht Elternsprecher André Schindler die Entschlossenheit des Gremiums. Denn: „Es gibt immer Möglichkeiten“.

Auch die GEW will Zöllners Entscheidung nicht hinnehmen. Die sofort verkündete Entscheidung der Bildungsverwaltung „stellt die Schulen vor große organisatorische Schwierigkeiten, führt zu erneutem Unterrichtsausfall, bestraft die Ehrlichen und wird einen Rattenschwanz von juristischen Auseinandersetzungen nach sich ziehen“, kritisiert GEW-Chefin Rose-Marie Seggelke. Ihre Gewerkschaft habe „großes Verständnis, wenn Eltern auf dem juristischen Weg die Anerkennung der jetzt erbrachten Leistungen ihrer Kinder durchsetzen wollen“.

Zöllner aber sieht keinerlei Handlungsspielraum. Sein Sprecher Kenneth Frisse verweist vor allem auf den Grundsatz der Gleichbehandlung. Der verbiete es, eine zentrale Prüfung zu werten, bei der eine große Zahl von Schülern die Aufgaben schon vorher kannte; die anderen Schüler seien dadurch klar benachteiligt. Frisse verweist auf die Verordnung für die Sekundarstufe I. Dort steht, die MSA-Prüfung diene „der Feststellung des Leistungsstands und des Kompetenzerwerbs am Ende der Sekundarstufe I unter einheitlichen Bedingungen“. Mathe, Deutsch und die erste Fremdsprache werden als Prüfungsinhalt ausdrücklich genannt. Deshalb könne man auch nicht rückwirkend anordnen, dass es dieses Jahr keine zentrale Prüfung in Mathematik gebe, wie es etwa Harnischfeger vorschlägt, so Frisse. Das Gleiche gelte für den Vorschlag von GEW-Chefin Seggelke, die sich vorstellen kann, „in diesem Jahr die Note der Arbeit durch die ohnehin bereits vorhandene Jahrgangsnote zu ersetzen“. Das entspreche nicht der Verordnung, wehrt Frisse ab. Manche Schulleiter folgen dieser Linie. Urte Schoenwälder, Direktorin des Neuköllner Albrecht-Dürer- Gymnasiums, sagte, sie sehe keine Alternative zu einer Klausurwiederholung.

Auch bei den Schülern dürften die Meinungen auseinandergehen. Gute Schüler, die den Mittleren Schulabschluss ohnehin schon in der Tasche haben, berichten, die Mathematikklausur sei extrem einfach gewesen, und es sei daher zwar ärgerlich, aber „kein Beinbruch“, sich nochmals für zwei Stunden an neue Aufgaben zu setzen. Verzweifelt sind hingegen viele schwache Schüler, bei denen vom Gelingen der Mathematikklausur mit abhängt, ob sie über den Hauptschulabschluss hinauskommen. Für sie hat die Bildungsverwaltung einen Trost parat: Nun wüssten immerhin alle Schüler, was auf sie zukommt, heißt es auf der Homepage der Senatsverwaltung. Das helfe vielleicht, „Ängste abzubauen und mit Zuversicht in die Wiederholungsprüfung am 23. Juni zu gehen“. Letztlich haben die Schüler keine Wahl, denn wer nicht an der Prüfung teilnimmt, kassiert sofort eine „Sechs“. Es sei denn, der Landeselternausschuss hat Erfolg mit seiner – geplanten – Klage.

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