Berlin : Schutzengel an Bord

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Von Claus-Dieter Steyer

Werneuchen. Dieses Szenario dürfte zu den Alpträumen eines Piloten gehören: Nach der geglückten Landung taucht plötzlich ein zwei Meter hoher Wall aus Erde und Steinen auf, der kein Ausweichen zulässt. Mit voller Wucht knallt die Maschine gegen das Hindernis, so dass nur noch ein Schutzengel helfen kann. Genau dieser muss am Sturmabend über die 16 Passagiere, die beiden Piloten und die zwei Stewardessen der Schweizerischen Crossair-Maschine gewacht haben. Denn wie durch ein Wunder überstanden alle Insassen sowohl die Notlandung als auch den Aufprall gegen das quer über die Bahn geschüttete Hindernis auf dem Flugplatz Werneuchen, 20 Kilometer nördlich Berlins, nahezu unbeschadet.

Mit dem gerade für Flugplätze höchst ungewöhnlichen Erdwall haben die Eigentümer der Landebahn vor einiger Zeit ihre Flächen voneinander abgetrennt. Während ein Flugplatzverein den größeren Teil der Piste ab und zu für kleine Privatmaschinen nutzt, rasen auf dem anderen Teil regelmäßig Autos um die Wette.

An der Maschine vom schwedischen Typ „SAAB 2000“ brach zwar beim Aufprall auf das Hindernis das komplette Fahrgestell ab, aber der beim langen Rutschen des 50-sitzigen Propellerflugzeuges über dem Beton ausgelöste Funkenstrahl führte glücklicherweise nicht zur Explosion. Um Haaresbreite entgingen die Insassen einer Katastrophe. „Alle Insassen standen nach dem Ausstieg natürlich unter Schock“, sagte Polizeisprecher Toralf Reinhardt. „Aber nur eine Frau klagte über Schmerzen im Unterleib." Die 17.45 Uhr in Basel gestartete Maschine befand sich auf dem Flug nach Hamburg. Doch kurz vor der Landung in der Hansestadt wurde der Flughafen wegen eines starken Gewitters geschlossen.

Es begann ein Irrflug über Norddeutschland. „Zunächst ging es nach Bremen, dann nach Hannover und schließlich nach Berlin“, erklärte der Sprecher der Fluglinie Swiss, Manfred Winkler. Crossair gehört zum Unternehmen. „Überall herrschte schlechtes Wetter, so dass eine Landung auf einem Berliner Flughafen nicht möglich war.“

Wegen der langen Strecke hätten sich die Spritreserven an Bord stark verringert. Deshalb habe die Flugsicherung eine Landung in Werneuchen angeordnet. Bei der Anlage im Osten des Dorfes handelt es sich um einen Sonderlandeplatz. Er hat keinen Tower und keine Flugfeldbeleuchtung, wird nur selten genutzt und ist nur bei Bedarf besetzt. Eine bessere Ausstattung besitzt zwar der 25 Kilometer entfernte Flughafen in Eberswalde-Finow, aber auch dort gab’s schlechtes Wetter.

Nach Angaben des Leiters der Flugsicherung in Berlin-Tempelhof, Hubertus Wenske, wurde der Pilot vor den Besonderheiten der Werneuchener Bahn gewarnt und der Aufsetzpunkt geändert. Die Informationen dazu stammten vom Verkehrsleiter, den die Flugsicherung telefonisch zu Hause erreicht hatte. Positiv wirkte sich hier die Ortskenntnis der Tempelhofer Lotsen aus, die 2006 Berlin verlassen müssen.

„Aber bei der extrem schlechten Sicht am Mittwochabend wird der Erdwall auf der Bahn wohl nicht zu erkennen gewesen sein“, mutmaßte gestern Fritz Kühne von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung. Eine Stunde nach der gegen 20.40 Uhr erfolgten Landung legte die von einem Anwohner alarmierte Freiwillige Feuerwehr vorsorglich einen Schaumgürtel um die Maschine. Damit sollte eine Explosion verhindert werden. In Windeseile hatte das Personal der Werneuchener Tankstelle Brötchen geschmiert, um die vorwiegend aus Hamburg stammenden Passagiere zu versorgen.

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