Schutzmächte : Doppelter Abschied von Berlin

Vor 15 Jahren verließen die einstigen Besatzungsmächte Berlin. Gefeiert wurde der Abzug allerdings in zwei Etappen.

Brigitte Grunert
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Militärische Ehren. Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Boris Jelzin bei der Verabschiedung der russischen Streitkräfte auf...Foto: Imago

Von einem historischen Ereignis war die Rede, von Freundschaft, Frieden und Partnerschaft auf immer, von Wehmut und Dankbarkeit, als vor 15 Jahren die letzten Soldaten der einstigen Besatzungsmächte Berlin verließen, die Russen auch Ostdeutschland, beinahe 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 31. August 1994 wurden die Russen feierlich verabschiedet, am 8. September die Amerikaner, Briten und Franzosen.

Zwei große Tage gab es, aber eben zwei. Die Russen hatten sich eine gemeinsame Feier gewünscht, das passte nicht in die Regie des Bundeskanzlers, nun fühlten sich die Hinterbliebenen der zerfallenen Sowjetmacht gedemütigt. Von diesen Misstönen ist am 31. August allerdings nur am Rande zu hören. Helmut Kohl empfängt seinen „Freund Boris“, den russischen Präsidenten Boris Jelzin, mit militärischen Ehren am Gendarmenmarkt, der russische General Matwej Burlakow meldet: „Der zwischenstaatliche Vertrag über die Bedingungen des befristeten Aufenthalts der Westgruppe der Truppen und die Modalitäten des Abzuges ist erfüllt.“ Es folgt ein Festakt im Schauspielhaus, ein Mittagessen bei Bundespräsident Roman Herzog im Schloss Bellevue und ein deutsch-russisches militärisches Zeremoniell am Ehrenmal in Treptow. Acht Tage nach dem Abschied der Russen ein vergleichbares Programm, der Dank gilt nun den Westmächten.

Die West-Berliner und ihre Schutzmächte, das war ein ganz besonderes Verhältnis. Seit den Tagen der Luftbrücke waren sie ja wirklich Freunde. Volksnahe Feste wurden gefeiert, enge Freundschaften geschlossen. In den achtziger Jahren sang sogar ein britischer Stadtkommandant im Philharmonischen Chor, in Zivil natürlich, ohne jede Publicity. Die Alliierten gehörten einfach zum Berliner Leben. Gerührt sagte man sich Lebewohl, vielen ging die Trennung zu Herzen.

Anders verhielt es sich mit den sowjetischen Soldaten. Abgeschottet lebten sie in ihren armseligen Kasernen oder in komfortableren Offiziersquartieren, ein Staat im Staate. Die deutsch-sowjetische Freundschaft wurde gepriesen, man sang „Druschba – Freundschaft“, private Kontakte waren unerwünscht. Doch auch die Russen zogen wehmütig heimwärts, und sie erregten Mitleid, denn sie reisten einer ungewissen Zukunft entgegen.

Rund 12 000 Soldaten der Westalliierten waren in Berlin stationiert. Die Russen hingegen hatten in knapp vier Jahren 546 200 Personen aus Deutschland nach Hause zu bringen, davon 338 200 Soldaten, die übrigen Zivilangestellte und Familienangehörige, ferner 123 629 Waffen und Geräte sowie mehr als zwei Millionen Tonnen Material. Der Bund zahlte Moskau 14,5 Milliarden D-Mark für Transporte, Wohnungsbau, Umschulung von Soldaten und Kreditzinsen.

Zur Abschiedsfeier für die Westmächte kommen der französische Präsident Mitterrand, der britische Premierminister Major und der amerikanische Außenminister Christopher: Empfang mit militärischen Ehren am Schloss Charlottenburg, Festakt im Schauspielhaus, diesmal Kranzniederlegungen am Luftbrückendenkmal in Tempelhof für die 70 Opfer der Luftbrücke während der sowjetischen Blockade 1948/49, und nach dem Abendessen beim Bundespräsidenten der Große Zapfenstreich der Bundeswehr am Brandenburger Tor; zum ersten Mal wird er in Berlin zelebriert.

Viele Abschiedsfeiern waren dem großen Finale seit dem Frühjahr vorausgegangen, die meisten im Westteil Berlins für die Westalliierten. Auch der Festakt im Abgeordnetenhaus galt nur ihnen, aber das Parlament gab zuvor ein Bürgerfest für alle vier. Es gab Abschiedskonzerte in der Philharmonie und in der Waldbühne, zuletzt auch ein russisches Galakonzert im Friedrichstadtpalast.

Mit der Neuordnung dessen, was die Truppen der vier Mächte hinterließen, hatte der Bund eine Weile zu tun. Allein die Russen räumten 240 000 Hektar auf deutschem Boden, eine Fläche so groß wie das Saarland, darunter 47 Militärflughäfen. In West-Berlin waren 5800 Wohnungen zu vergeben, in Karlshorst etwa 1000 russische, meist in beklagenswertem Zustand. Hinzu kamen überall zahlreiche zivile Objekte wie Schulen, Kitas, Sportstätten. Im Laufe des Jahres 1994 stellten die Militärsender der Amerikaner, Briten und Franzosen ihre Tätigkeit ein, die militärischen Teile der Flughäfen Tempelhof und Tegel wurden geräumt, der britische Flughafen Gatow wurde geschlossen. Und auch das gehörte zum Schlussstrich und Neuanfang: 5800 deutsche Zivilangestellte bei den Westalliierten erhielten die Kündigung.

Am 18. Juni hielten die Westalliierten die letzte ihrer traditionellen Paraden auf der Straße des 17. Juni, nunmehr als „Gaststreitkräfte“, denn Besatzungsmächte waren sie ja schon seit fast vier Jahren nicht mehr; am 3. Oktober 1990, dem Tag der Einheit, war der Viermächtestatus erloschen und Berlin gehörte voll und ganz zur Bundesrepublik. So nahmen der Standortkommandant der Bundeswehr und der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen die Parade ab.

Eine Woche später hielten die Russen ihre Abschiedsparade, aber in der Regie der eigenen Generalität. Diepgen hielt eine freundliche Ansprache. Wieder fühlten sie sich, weit ab vom Stadtzentrum, an den Rand gedrängt. Seit 1945 hatte es keine sowjetische Parade mehr gegeben, doch zum Abschied musste sie sein.

Was bleibt, ist die Erinnerung an ganz unterschiedliche Lebenswelten mit den vier Siegermächten. In zwei Berliner Museen werden sie beleuchtet. Das eine ist das Alliierten-Museum im einstigen amerikanischen Kino Outpost in der Clayallee, das andere das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, Zwieseler Straße, dort, wo General Keitel 1945 vor den sowjetischen „Befreiern“, wie sie sich nannten, die bedingungslose deutsche Kapitulation unterzeichnet hatte.

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