Berlin : Schwaben-Guerilla gegen German Rail City Council

Das war das Jahr 2007 – von Bernd Matthies

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Januar: Die Plakataktion in Prenzlauer Berg, von unbekannten „Ostberlinern“ vorangetrieben, geht weiter und erregt überregionale Aufmerksamkeit. Diesmal werden auch Tübinger, Sigmaringer und Bötzinger mit ironischen Wünschen für eine schöne Heimfahrt bedacht. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger rät, Berlin solle es „nicht zu weit treiben“. Udo Walz, ebenfalls einst aus dem Schwäbischen zugereist, verwirft seinen Plan, in der Wörther Straße einen Hundesalon zu eröffnen: „Da drüben möchte man seinen Hund ja nicht mehr vor die Tür schicken.“

Februar: Finanzsenator Thilo Sarrazin überrascht die Senatsrunde in der ersten Sitzung des Monats mit einer Mitteilung: Fortan werde er die Namenserweiterung „Karstadt“ tragen, heiße also jetzt mit vollem Namen Thilo Karstadt Sarrazin und bitte sowohl Senatskollegen als auch Journalisten darum, dies bei Gesprächen und Veröffentlichungen zu berücksichtigen. Zur Begründung sagt er, der Kaufhauskonzern überweise ihm jährlich 100 000 Euro, die er vollständig an den Landeshaushalt abführe. Die SPD ist baff, dafür hagelt es Proteste vom Koalitionspartner. Der stellvertretende Fraktionschef Stefan Liebich fragt, ob der Landeshaushalt künftig von Karstadt aufgestellt werde. Sarrazin: „Das kann man so sagen.“

März: Deutschlands bekanntester Arbeitsloser Henrico Frank tritt eine auf 20 Wochenstunden befristete Mitarbeiterstelle in der PDS-Zentrale an, meldet sich aber erst einmal krank. Ein Parteisprecher bestätigt, er solle perspektivische Konzepte für die Ablösung des Hartz-IV-Unrechts erarbeiten; „Frank fünf gewissermaßen“, und habe sich vertraglich zum täglichen Waschen und Rasieren verpflichtet. Informationen, nach denen Franks Beraterin Brigitte Vallenthin als Staatssekretärin in der Sozialverwaltung vorgesehen sei, werden entschieden dementiert.

April: Bahnchef Mehdorn kündigt die definitive Übernahme des Flughafens Tempelhof an. Das Gelände solle künftig „Übersuperhauptbahnhof“ heißen. Vorhaltungen, es gebe dort überhaupt keine Gleise, weist er zurück: Die U-Bahn fahre direkt vor der Tür, die Flugverbindungen seien nahezu perfekt und er habe außerdem noch ein Ass im Ärmel.

Mai: Die Scheiben eines Steuerberatungsbüros am Kollwitzplatz werden eingeworfen, ein Brandsatz richtet keinen Schaden an, weil er mit Trollinger statt mit Benzin gefüllt ist. Der Geschädigte klagt gegenüber der Presse, er stamme vom Bodensee und sei in den letzten Wochen wiederholt telefonisch aufgefordert worden, „nach drüben“ zu gehen und seine „Westmafia“ gleich mitzunehmen.

Juni: Der Kurs der Airbus-Aktien explodiert, nachdem das Unternehmen sein Projekt A 390 vorstellt: einen propellergetriebenen ICE, der mit halber Schallgeschwindigkeit fliegen kann. Die Bahn AG habe bereits Optionen für 24 Stück erworben. Ein Sprecher der Bürgerinitiative gegen den Ausbau von Schönefeld erklärt, damit sei die Rechtsgrundlage für den Ausbau hinfällig, und droht mit einer neuen Klage. In Prenzlauer Berg nimmt der polizeiliche Staatsschutz einen 30-Jährigen fest, der den Brandanschlag auf das Steuerberatungsbüro gesteht, allerdings erst, nachdem er einen Polizisten attackiert hat: „Dir hau i glei oine uf dei freche Gosch, du Saudackel!“

Juli: Airbus-Aktien im Abwind. Ein Unternehmenssprecher bestätigt, dass man die konstruktiven Besonderheiten des FlugICE unterschätzt habe: „Ein Flugzeug mit Anhänger hat eben noch niemand gebaut.“ Die 24 Züge für die Bahn würden deshalb ein bis zwei Jahre später ausgeliefert. Bahnchef Mehdorn zeigt sich enttäuscht: „Das ist schade. Aber bis dahin werden wir den Übersuperhauptbahnhof eben mit normalen Flugzeugen betreiben.“ Die beim Bau des Hauptbahnhofs übrig gebliebenen Glasdeckenteile werden über dem Fußweg zwischen U-Bahnhof Platz der Luftbrücke und dem Flughafeneingang montiert.

August: Nach langen Recherchen finden Journalisten heraus, dass der Attentäter von Prenzlauer Berg ein ehemaliger Mitarbeiter der Stuttgarter Staatskanzlei ist. Sein Kommentar „ha noi“ wird von seinem Anwalt so übersetzt: „Er war jung und brauchte das Geld.“ Senator Karstadt Sarrazin hält dies für unglaubwürdig. Er spricht von einer „Intrige der schwäbischen Besserverdiener mit dem Ziel, Berlin zu diskreditieren und den Länderfinanzausgleich auszuhebeln“. Günther Oettinger entgegnet, Sarrazin solle „nicht so einen Blödsinn daherschwätzen“. Kommentar von Bundesfinanzminister Peer Rewe Steinbrück: „Ruhig, Kollegen“.

September: Henrico Frank feiert nach langer Erkrankung seinen ersten Arbeitstag bei der PDS. Vor der Arbeitsagentur Kreuzberg wäscht und rasiert er einen Dackel. Staatssekretärin Brigitte Vallenthin erklärt: „Dies soll zeigen, dass in Berlin viele Hartz-IV-Empfänger schlechter als Hunde behandelt werden.“ Der Dackel erhält sofort eine Planstelle als Wachhund bei der Landeszentralbank.

Oktober: Die Schwaben-Connection fliegt auf. Der Leiter des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg tritt zurück, nachdem er zugeben musste, dass der in Berlin festgenommene Mitarbeiter eine verdeckte Kampagne gegen die in Berlin lebenden Süddeutschen anzetteln sollte. Ziel sei es gewesen, Berlin zu diskreditieren und den Länderfinanzausgleich auszuhebeln. Der Ministerpräsident habe von nichts gewusst. Bayerns Landesvater Stoiber kommentiert: Da sehe man, wie heruntergekommen und, äh, geldgierig Berlin sei, wenn sich die Behörden anständig geführter Länder nur noch mit solchen Mitteln verteidigen könnten.

November: Thilo Karstadt Sarrazin triumphiert. Mit SPD-Mehrheit beschließt der Senat, sich in „German Rail City Council“ umzubenennen – dies unterstreiche die internationale Ausrichtung der Metropole. Bahnchef Mehdorn bietet an, die Pünktlichkeit der Züge und Flugzeuge im Berlin-Verkehr jährlich um fünf Prozent zu steigern und Senatssitzungen mit Kaffee und belegten Brötchen zu versorgen.

Dezember: Die PDS kündigt die Koalition auf. Zur Begründung heißt es, die Qualität von Kaffee und Brötchen im Senat sei nicht einmal Hartz-IV-Empfängern zuzumuten. Henrico F. stellt Waschen und Rasieren ein und kehrt nach Köln zurück. Udo Walz eröffnet in der Wörther Straße in Prenzlauer Berg einen Hundesalon.

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