Berlin : Schwaben-Offensive in Kreuzberg

Albrecht Metzger wurde berühmt im WDR-Rockpalast, nun steht er im Mehringhof-Theater auf der Bühne mit neuem Programm.

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Und jetzt komm’ ich. Metzger turnt vorm U-Bahnhof Schlesisches Tor.Foto: Mike Wolff
Und jetzt komm’ ich. Metzger turnt vorm U-Bahnhof Schlesisches Tor.Foto: Mike Wolff

Vor den Rockpalastnächten fühlte sich Albrecht Metzger jedes Mal, als müsse er vor den laufenden Kameras in den Boxring steigen. „Ich hatte immer Angst, meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Gerade neben einem so begnadeten Livemoderator wie Alan Bangs“, erzählt Metzger. Nach acht Jahren als Moderator verließ er deshalb 1983 den Rockpalast, die legendäre Rockmusiksendung des WDR. Im Gepäck Erinnerungen an viele Nächte mit Tom Waits und Pete Townshend, an ein Frühstück mit ZZ-Top-Bassist Dusty Hill oder eine Begegnung mit Tom Petty im Ü-Wagen. Dennoch, bedauert hat Metzger seine Entscheidung nie: „Wenn ich heute auf der Bühne stehe, ist alles auswendig gelernt und das Timing bis auf die Zehntelsekunde geprobt – das ist Freiheit für mich“, sagt der 66-jährige Kabarettist.

Am Mittwoch startet sein Programm „Schwaben Offensiv“ zusammen mit Franziska Traub und Uli Wolf im Mehringhof-Theater. Es ist der Vorlauf zur großen Jubiläumsshow und -tournee im Herbst.

Die Idee, von den Befindlichkeiten der in Berlin lebenden Schwaben zu erzählen, hatte der Stuttgarter schon vor 25 Jahren, lange bevor Begriffe wie Schwaben-Bashing oder Gentrifizierung in aller Munde waren. Zum 750. Geburtstag Berlins wollte Metzger damals einen Kongress, den „Schwaben-Kosmos“, veranstalten. Zu diesem Zeitpunkt lebte der gelernte Buchhändler, Fernsehmoderator, Theaterschauspieler und Sänger schon viele Jahren in Kreuzberg und hatte bereits zahlreiche Dokumentarfilme, unter anderem über Rio Reiser und die Einstürzenden Neubauten gedreht, die er bei einem Konzert im SO36 kennengelernt hatte.

Den Kongress gab es 1987 zwar nicht, dafür etablierte sich die Comedy-Gruppe „Schwaben-Offensive“. Als Instrument der Selbstironie und -findung genauso wie der Aufklärung über die schwäbische Seele. Denn oft gebe es Menschen im Publikum, die mit einer Schwäbin oder einem Schwaben verheiratet seien und nach dem Auftritt sagen „Jetzt verstehe ich endlich besser!“ sagt Metzger.

Bis heute seien Schwaben leicht erkennbar: „Sie stehen früh auf, arbeiten viel, halten das Geld zusammen und sprechen komisch.“ Außerdem, so Metzger, haben sie einen Hang zu Selbstzweifeln. „Der Schwabe ist innerlich zerrissen in dem steten Wunsch nach Anerkennung und der Erfahrung, dass er die in seiner Heimat sowieso nicht bekommt.“ Nicht umsonst seien die Fantastischen Vier schon lange aus Stuttgart fortgezogen – Flüchten oder Standhalten, in diesem Widerspruch seien alle Schwaben drin, glaubt Metzger. Er hält es dennoch gut in Berlin aus und hat auch eine Berlinerin zur Frau. „Urberliner und Schwaben verstehen sich nämlich prima – beide haben sie auf kargen Böden preußische Tugenden wie Tüchtigkeit und Pflichtbewusstsein verinnerlichen müssen“, sagt Metzger.

Neben seinen Kabarettprogrammen, in denen er in seinem typischen Sprechgesang auch „Ring of Fire“, „Brown Eyed Girl“ oder schwäbische Lieder interpretiert, präsentiert Metzger einmal monatlich auf www.secondhandcds.de die Internet-Radioshow „Knistern und Rauschen“. Hier kann der große Musikliebhaber mit mehr als 8000 Platten seine Leidenschaft für den Rock’n’Roll ausleben. In der aktuellen Folge stellt er ausnahmsweise keine Raritäten aus seiner Sammlung vor, denn die Sendung „Vier Tage für eine Nacht“ ist eine Originaltonreportage von April 1982. Sie dokumentiert die turbulenten Backstage-Vorbereitungen zur zehnten Liverocknacht des WDR aus der Grugahalle Essen, in der unter anderem Van Morrison und The Kinks auftraten. Die Reportage hört leider auf, wenn nach dem „Wort zum Sonntag“ das Schmettern der Eurovisionsfanfare ertönt. Doch den Rockpalast-Fans klingt Metzgers anschließende, berühmt gewordene Ansage auch so in den Ohren: „Dschörmen Telewischen proudly prisents...“ Eva Kalwa

8. bis 11. Februar, 20 Uhr. Mehringhof-Theater, Gneisenaustaße 2a. Eintrittskarten kosten zwischen 10 und 20 Euro. www.mehringhoftheater.de.

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