Berlin : Schwanenwerder: Ein Ehrenbürger stört die Insel-Idylle

Katharina Körting

Die Änderung eines Straßennamens verursacht oft ideologische Grabenkämpfe, fast immer Unbehagen bei den Anliegern - und nicht selten Proteste. Doch die geplante Umbenennung der Inselstraße auf Schwanenwerder in "Shepard-Stone-Straße" scheint eine besonders heikle Angelegenheit zu sein. Das Verzwickte an dem Fall ist: Niemand der rund 40 Inselbewohner an der Havel hat etwas gegen Shepard Stone, im Gegenteil. "Das ist ein verdienter Mann, der viel für die Stadt getan hat", meint etwa Hannelore Brieske. Dennoch protestiert sie per Brief an den Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Herbert Weber (CDU), gegen die Umbenennung: wegen der "geografischen Lage".

Der Ehrung als solcher kann niemand ernsthaft widersprechen: Der 1990 verstorbene US-Amerikaner Shepard Stone kam 1929 als Harvard-Absolvent zur Promotion an der damaligen Linden-Universität in die Stadt und heiratete eine Berlinerin. Nach dem Krieg kehrte der Doktor der Philosophie und Journalist als Berater des amerikanischen Hohen Kommissars John Jay McCloy zurück nach Berlin, wirkte mit am Aufbau der demokratischen Presse in den Westsektoren der Stadt und später als Direktor der Henry-Ford-Stiftung an der Gründung der Freien Universität Berlin.

1974 gründete Shepard Stone das Aspen Institut auf Schwanenwerder, eine Zweigstelle des Aspen im US-Bundesstaat Colorado. Unter Stones Leitung entwickelte sich die Berliner Dependance zu einem Zentrum für internationalen Gedankenaustausch. Für seine Leistungen wurde Stone 1983 zum Ehrenbürger Berlins ernannt. Shepard Stone hat sich für die deutsch-amerikanische Freundschaft eingesetzt und als Leiter des Aspen Instituts, dem er bis 1988 vorstand, Politiker, Manager, Wissenschaftler, Gewerkschafter und Künstler immer wieder an einen Tisch gebracht, um Fragen der Zeit zu diskutieren: vor allem den Ost-West-Konflikt, aber auch Themen wie Arbeitslosigkeit oder Antisemitismus.

Die Tatsache, dass Stone Jude war, macht die Sache für die Bewohner von Schwanenwerder nicht leichter. "Auf Shepard Stone lasse ich nichts kommen", sagt denn auch ein anderer Insulaner, der nicht genannt werden will. Stone sei ohne Zweifel "ein absolut untadeliger Mann" gewesen. Die Vorbehalte gegen die Umbenennung der Inselstraße bedeuten nicht, so heißt es behutsam in einem zweiseitigen Brief des Bewohners an den Bezirksbürgermeister, dass man gegen eine Ehrung dieses Mannes ist.

Dennoch: "Die Inselbewohner zeigen sich tief betroffen von dem Vorhaben, lehnen eine Umbenennung nachhaltig ab." Schließlich gehe es um die Tradition von Schwanenwerder. Wenn der Name "Inselstraße" aufgegeben wird, würden die Anwohner dies als Identitätsverlust empfinden, führt der Brief weiter aus.

Die Inselstraße hat ihren Namen schon seit über hundert Jahren - keine Verlegenheitslösung, sondern die Beschreibung eines Lebensgefühls. Es ist die einzige Straße auf dem Eiland, das erst 1920 mit der Eingemeindung Spandaus zu Berlin und 1926 zu Zehlendorf kam. Auf Schwanenwerder lebten bis zur Machtübernahme durch die Nazis viele prominente Größen der Stadt, die sich in der Insel-Idylle private Anwesen errichtet hatten, unter ihnen Richard Monheim (Trumpf Schokolade), Walter Sobernheim (Schultheiss-Patzenhofer) Gustav Fröhlich (Schauspieler), Berthold Israel, (Kaufhausbesitzer), Georg Solmssen (Vorstand Deutsche Bank) oder Leo Goldstaub (Zeitungsverleger) - ein Stück Berliner Geschichte. Damals entstand der bis heute geläufige Ausdruck, abends "noch mal um die Insel" zu gehen - also die Inselstraße entlang, die das Eiland umrundet. Die 1400 Meter lange, von Eichen gesäumte Straße war zunächst eine Privatstraße, bis 1951 der Eintrag in das Verzeichnis der öffentlichen Straßen erfolgte. Nach Ansicht dieses Briefschreibers "verbietet es sich schon aus historischen Gründen, diesen Namen zu ändern, so ehrenvoll und würdig der zu Ehrende auch sein mag".

Noch ist nichts entschieden. "Vor dem endgültigen Beschluss wird es eine Anwohnerbefragung geben", verspricht Baustadtrat Ralf Körner (CDU), der die Umbenennung als "angemessen" bezeichnet. Die Meinung der Betroffenen werde "in die Entscheidung einfließen". Der Verfasser des Briefes schlägt indes vor, stattdessen den zur Insel ab Kreuzung Kronprinzessinnenweg führenden "Wannseebadweg" in "Shepard-Stone-Straße" umzubenennen. Das war nämlich der Weg, den die Teilnehmer der Treffen im Aspen Insitut genommen haben.

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