Berlin : Schwangere verließ Klinik, weil sie nicht an Medikamententest teilnehmen wollte

Bernhard Koch

Im Streit mit dem Narkose-Chefarzt hat eine hochschwangere Frau am vergangenen Montag kurz vor einer geplanten Kaiserschnitt-Entbindung den Campus Virchow der Charité in Wedding verlassen, weil sie nicht an einer Medikamentenstudie teilnehmen wollte. Mit Blaulicht und in Begleitung einer Hebamme wurde die aus Pakistan stammende 25-Jährige dann unter starken Wehen ins Schöneberger Auguste-Viktoria-Krankenhaus gefahren, wo sie schließlich per Kaiserschnitt einen gesunden Jungen zur Welt brachte.

Die des Deutschen nicht kundige Frau hatte zunächst schriftlich eingewilligt, mit dem in Deutschland nicht zugelassenen Narkosemittel Rapacuronium behandelt zu werden. Aus Furcht, "Versuchskaninchen" zu sein, widerrief sie jedoch ihre Zustimmung kurz vor der Operation und verlangte das unterschriebene Aufklärungspapier zurück. Nach Angaben der Schwägerin der Frau, einer Inderin, die als Vertraute und Dolmetscherin dabei war, sei dem Wunsch nach Rückgabe nicht entsprochen worden. Der forschende Narkose-Chefarzt sei nicht bereit gewesen sei, der 25-jährigen einen anderen Narkosearzt zur Verfügung zu stellen. Hebammen, Pflegekräfte und die übrigen Ärzte im Virchow-Kreißsaal hätten sich liebevoll um die Schwangere gekümmert und sich für den Vorfall entschuldigt.

Zu Forschungszwecken sollte die Frau neben anderen Narkosemitteln Rapacuronium erhalten. Das schnell wirkende Medikament der Firma Organon Teknika führe für kurze Zeit zur Muskelerschlaffung, damit man zur sicheren Beatmung eine Röhre in die Atemwege einführen könne, so Virchow-Chefanästhesist Jürgen Brückner. Wissenschaftler aus mehreren europäischen Ländern und den USA versprechen sich von der Arznei weniger Nachteile als bei der gewöhnlich verabreichten so genannten "Muskelrelaxan"-Substanz, die bei Operationen in bestimmten Fällen gegeben wird. Weltweit sei das neue Mittel schon 2000 Mal eingesetzt worden, darunter bei 20 Frauen mit Kaiserschnitt-Entbindungen. In den USA sei Rapacuronium in hoher Dosierung seit zwei Monaten zugelassen. Brückner testet das Medikament als einziger Deutscher, die Ethikkommission der Charité hat zugestimmt. In Berlin werden jährlich mehrere hundert Arzneien an Patienten getestet. Entsprechenden Studien werden von Ethikkommissionen, teilweise unter Auflagen, genehmigt. Meist handelt es sich um Weiterentwicklungen bekannter Wirkstoffe.

Chefarzt Brückner erklärt sich die Angst der Patientin vor der Studie mit "deren Familiengeschichte", in der es einmal einen tödlichen Narkosezwischenfall gegeben hat. Gefährlich sei Rapacuronium aber nicht, betont der Professor. Im Fall der pakistanischen Frau hätte er der Mittel aufgrund der "individuellen Indikation" auch ohne Studienteilnahme einsetzen können.

Wie bei allen anderen Medikamente gebe es jedoch auch bei Rapacuronium Nebenwirkungen. Im Informationsbrief zur Forschungsstudie werden als Risiken vorübergehender Blutdruckabfall sowie steigender Puls genannt. Auch sei "gelegentlich" ein Zusammenziehen der Luftröhre durch Muskelkontraktion beobachtet worden. Brückner will 40 Frauen, die ein Kind per Kaiserschnitt bekommen, an der Studie teilnehmen lassen. Dabei werde das Mittel zum Vergleich in höherer und niedrigerer Dosis verabreicht: "Weder Sie selbst noch der untersuchende Arzt werden im Voraus wissen, welche Dosis Sie erhalten." Um die muskelerschlaffenden Wirkungen des Medikaments messen zu können, werden nach der Narkose kleine Elektroden am Arm der Patientin angebracht. Infolge von Elektroimpulse gebe es "nur ein kleines Risiko von Schmerz und Hautbrennen". Für das Baby bestehe keine Gefahr, heißt es in der schriftlichen Aufklärung weiter. Ein Honorar für die Teilnahme am freiwilligen Test wird Patientinnen nicht gezahlt.

Die Schwägerin der 25-jährigen Frau aus Pakistan hält Narkosechef Brückner und dessen ebenfalls in der Virchow-Anästhesie arbeitenden Ehefrau zudem diskriminierende Äußerungen vor. Nach zwei Jahren in Deutschland müsse man die hiesige Sprache beherrschen, sei die ärztliche Reaktion auf den Hinweis auf fehlende Deutschkenntnisse der Patientin gewesen. Jürgen Brückner indes verwahrt sich gegen Vorwürfe der Ausländerfeindlichkeit. In der mit jährlich fast 4000 Entbindungen größten Geburtshilfeklinik Deutschlands betrage der Ausländeranteil bis zu 40 Prozent. Man bemühe sich nach Kräften um nichtdeutsche Schwangere.

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