Berlin : Schwarze Insel Brandenburg

In der Havelstadt gilt Dietlind Tiemann als klare Favoritin. Der Kampf um Platz zwei bleibt spannend

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Foto: dapd Foto: dapd
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Brandenburg - Neuerdings kursiert auf Youtube ein böses Video über die „Queen of Brandenburg“: Der sechsminütige, aufwendige Clip knöpft sich diese Frau vor, mit einem extra getexteten Song: Dietlind Tiemann, Jahrgang 1955, CDU, die bei der Oberbürgermeisterwahl in Brandenburg an der Havel, der stolzen, alten früheren Chur- und Hauptstadt der Mark, am Sonntag erneut für acht Jahre gewählt werden will. Und Tiemann? Selbst der anonymen Cyberattacke, die auch ihr früheres SED-Parteibuch aufs Korn nimmt oder Vorwürfe von Machtarroganz wiederholt, gewinnt sie locker etwas Gutes für ihre Stadt ab. „Es sind schöne Bilder aus der Stadt Brandenburg, auch das ist Werbung“.

Viel Feind, viel Ehr, und eine kleine, starke Frau, die drübersteht. So ist das nämlich in der Stadt Brandenburg, wo die Leute ganz zufrieden sind, dass es aufwärts geht, sich die Lokalpolitik gern an ihr reibt, sich aber dennoch meistens alles um Tiemann dreht, um das politische Zentrum dieser 70 000-Einwohner-Stadt, die bei den Bürgermeisterwahlen am heutigen Sonntag im Land mit Abstand der spannendste Schauplatz ist. Brandenburg an der Havel ist eine ungewöhnliche „schwarze Insel“ im SPD-dominierten Land, als letzte der vier kreisfreien Städte, die noch in CDU-Hand ist und wohl auch bleiben wird, was hinter vorgehaltener Hand selbst ihre Gegner erwarten. Eine Stadt, ähnlich geprägt wie das Land, mit einem Unterschied: Hier fährt die Union seit Jahren Erfolge ein. Freilich, auf den Wahlkampfplakaten Tiemanns sucht man das CDU-Logo auch meist vergebens, stattdessen findet man schon mal „DT“, ihre Initialen, aus denen Kritiker schon mal ein „DDT“ machen.

Es war ein Betriebsunfall, dass die Unternehmerin 2003 ausgerechnet Brandenburg an der Havel für die CDU holte, eine „rote“ Arbeiterstadt, eigentlich mit einer langen, bis in die Weimarer Republik reichenden Tradition sozialdemokratischer Stadtväter, die dennoch nach 1990 von SPD-Ratsherren von einer Krise in die nächste gewirtschaftet wurde. Unter Tiemann wurden dann das „Loch“ zugeschüttet, eine jahrelange brachliegende Baugrube in der Stadtmitte, Ruinen saniert, Firmen angesiedelt, der Zuschlag für die Bundesgartenschau geholt. Klar, dass es bei der Bilanz ihre Herausforderer schwer haben: SPD-Kandidat Norbert Langerwisch, der frühere Polizeichef der Stadt, der schon 2003 unterlag, als Notlösung erneut ran musste und nun sagt: „Mein Ziel ist die Stichwahl“. Oder der Linke-Stadtfraktionschef Alfredo Förster, der zum Ausgang den schönen Satz sagt: „Ich kann nicht verlieren“. Und der vor der Wahl gern kundtat, dass er mit Tiemann, „obwohl am Habitus der Monarchin etwas Wahres dran“ ist, in puncto Verlässlichkeit bessere Erfahrungen machte als mit der SPD der Stadt, mit Langerwisch, mit Ralf Holzschuher, der auch Chef der Landtagsfraktion ist, die sich oft nicht an Absprachen hielten. „Umgefallen beim Umfallen.“ Die Einschätzungen, die man von der SPD über Förster und die Linke hört, über deren Schmusekurs gegenüber Tiemann, fallen wiederum nicht freundlicher aus. Die rot-roten Zerrüttungen sitzen tief, von Tiemann geschickt ausgenutzt.

Ja, so ist das in der Stadt Brandenburg, wo bei der Oberbürgermeisterwahl der Kampf um Platz zwei vielleicht der ungleich spannendere ist. Vom Ausgang hängt maßgeblich ab, mit welchen Mehrheiten die wohl alte, neue Amtsinhaberin in den nächsten Jahren regieren wird, neue Beigeordnete wählen kann, was vor Ort längst diskutiert wird. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass die Sozialdemokraten hier, wo auch noch Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier seinen Wahlkreis hat, mit Platz drei eine neue demütigende Niederlage einfahren. Und dann bliebe der Unionsfrau Dietlind Tiemann womöglich nur eins, eine Rathauskoalition mit den Linken.

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