Schwarzer Kanal : Wagenburg auf Reisen

Der Schwarze Kanal zieht von Mitte nach Neukölln - Baustadtrat und Anwohner nehmen es gelassen.

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Unter Birken. Die Wagenburg zieht in die Neuköllner Kiefholzstraße. Foto: Thilo Rückeis

Langsam tuckert der Oldtimer-LKW durch die Kiefholzstraße, im Schlepptau ein bunt bemalter Bauwagen. Passanten schauen sich verwundert um, als das Gespann auf der Neuköllner Seite in einen Feldweg einbiegt. Hier, kurz hinter den S-Bahngleisen, versteckt unter dicht bewachsenen Bäumen und von der Straße kaum einsehbar, hat die Wagenburg Schwarzer Kanal ihr neues Zuhause gefunden. Ein schmaler Trampelpfad weist den Weg zu dem mit dünnen Birken bewachsenen Platz. Der Zaun mit dem „Betreten verboten“-Schild ist beiseitegebogen. Zwischen dem Küchenwagen und einer provisorischen Fahrradwerkstatt steht eine Feuerschüssel. Dutzende Männer und Frauen sind auf dem Gelände, tragen Baumaterial und rangieren die großen Wagen. „Es sind viele gekommen, um uns bei dem Umzug zu helfen“, sagt eine Bewohnerin. „In einer Woche wollen wir endlich fertig sein.“ Lkw „Balou“ und Trecker „Miss Marpel“ ziehen täglich ein bis zwei Bauwagen vom bisherigen Standort in Mitte hierher.

Den alten Platz an der Michaelkirchbrücke mussten die Bewohner nach acht Jahren verlassen, da der Eigentümer ihn für die Lagerung von Baumaterial einer Großbaustelle benötigt. Monatelang verhandelten die Rollheimer mit dem Liegenschaftsfonds um einen Ersatzort. Im Oktober besetzten knapp 150 Unterstützer aus Protest ein leer stehendes Schulgelände in Mitte, mehrere Demonstrationen für den Erhalt des Projektes zogen durch Kreuzberg. Eigentlich hätten die rund 25 Bewohner mit ihren ebenso vielen Bauwagen lieber einen Platz innerhalb des S-Bahnrings gehabt, aber dort war kein passender Ort zu finden.

„Der Vertrag für das neue Gelände läuft bis zum 31. März 2013“, sagte eine Sprecherin des Liegenschaftsfonds am Dienstag. Wie schon in der Michaelkirchstraße zahlt die Wagenburg keine Miete, aber alle anfallenden Betriebskosten.

Umschlossen wird das neue Gelände an drei Seiten von einer Kleingartenkolonie. Mit den Vorsitzenden haben sich die Rollheimer schon getroffen, um sich vorzustellen. Die meisten Kleingärtner haben die neuen Nachbarn aber noch gar nicht wahrgenommen. „Solange es nicht zu laut wird, ist das in Ordnung“, sagt eine Gärtnerin. Ein wenig verrückt fände sie es schon, dass jemand freiwillig in einem Bauwagen wohnen will, „aber die sind ja noch jung“.

Der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing (SPD) macht sich keine Sorgen, dass es Schwierigkeiten zwischen Anwohnern und der Wagenburg geben könnte. „Am bisherigen Platz haben die Bewohner auch immer alle Absprachen eingehalten“, sagt er.

Erst seit Sonntag gibt es Strom auf dem Gelände. Nur der Wasseranschluss lässt noch auf sich warten. Bis es richtig wohnlich wird, gibt es noch viel zu tun. In den nächsten Wochen wollen die Bewohner eine Bühne für Theatervorführungen und Konzerte sowie Toiletten und Werkstätten bauen. Ein kostenloses Filmfestival ist für den Sommer geplant. Mit 19 Jahren ist der Schwarze Kanal einer der ältesten Bauwagenplätze der Stadt. In den zwölf Berliner Bauwagensiedlungen leben derzeit rund 320 Menschen. jra

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