Berlin : Schweigend erinnert

Überall in Berlin kamen Menschen am Auschwitz-Gedenktag zusammen

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Vier Stunden zuvor stand sie schon am Bahnhof Grunewald, Gleis 17. Von dort wurden Juden nach Auschwitz deportiert. Gestern früh, noch im Morgengrauen, zündeten Vertreter der Bahn und der Bündnisgrünen auf den Gleisen Windlichter an und legten Kränze nieder. In Grunewald erklang KlezmerMusik, es war „eine sehr berührende Stimmung“. Es war der Auftakt zahlreicher Veranstaltungen aus Anlass der Befreiung des nationalsozialistischen Vernichtungslagers vor 60 Jahren. Um 11 Uhr stand Martina Schmiedhofer, bündnisgrüne Sozialstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf, wieder im leichten Schneegriesel, diesmal zur Schweigeminute vor dem Rathaus an der Otto-Suhr- Allee. Mit ihr hatten sich rund sechzig weitere Beschäftigte der Behörde, etwa zehn Prozent der Charlottenburger Belegschaft, auf die Straße begeben. „Wir dürfen das Geschehen nicht vergessen“, sagte Frank Opitz aus der Personalstelle. Einige derer, die da still vorm Haus standen und wie ein Spalier die meist ahnungslosen Bezirksamts-Besucher passieren ließen, hatten mit mehr Beteiligung aus dem Haus gerechnet.

Das Bezirksamt hatte zum stillen Gedenken vor die Eingänge der Verwaltungsgebäude gebeten, „wenn es die dienstlichen Verhältnisse zulassen“. Die Warteschlangen vorm Bürgeramt, das Punkt elf Uhr öffnete, ließen die Schweigeminute offenbar nicht zu, und am Informationsschalter hieß es kurz vor elf: „Wir können nicht nach draußen, wir machen weiter.“ Auch vor dem Rathaus Wilmersdorf hatten sich Beschäftigte eingefunden, wiederum etwa zehn Prozent der Belegschaft. Eine Schweigeminute an den Arbeitsplätzen gab es zur gleichen Zeit auch im Bezirksamt Mitte, am Gedenkstein zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus im Foyer des Rathauses Tiergarten wurden Kränze niedergelegt. Mit einer Schweigeminute gedachte das Bezirksamt Lichtenberg am Mahnmal am Loeperplatz der NS-Opfer. Zum Gedenken gehörten eine Lichterkette vor dem Jüdischen Waisenhaus in Pankow, ein stilles Gedenken vor dem Rathaus an der Kreuzberger Yorckstraße.

Am Abend war ein Festakt im Abgeordnetenhaus geplant. Dabei sollte der „German Jewish History Award“ an fünf Bürger verliehen werden. Unter anderem an den Kölner Künstler Gunter Demnig, der die mahnenden „Stolpersteine“ („Hier wohnte“) auf Berliner Gehwegen erfand.

Im Rathaus Schöneberg wurde gestern die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ eröffnet. „In meiner Schulklasse waren wir eine große Familie, die Herkunft war egal“, sagte die 82-jährige Lydia Passikowa über ihre Kindheit in Schöneberg. Was der Nationalsozialismus wirklich bedeutet, hat sie erst später verstanden. 1935, noch rechtzeitig, floh sie nach Russland. Ihre Erinnerungen wurden jetzt mit 91 weiteren Biografien für die Ausstellung aufgezeichnet. Sie ist wie eine Bibliothek aufgebaut, Holocaust-Überlebende aus Schöneberg und Tempelhof werden an Lesetischen vorgestellt. Zu jeder vollen Stunde wird der Film „Geteilte Erinnerungen“ gezeigt, in dem ebenfalls Zeitzeugen zu Wort kommen. Die Ausstellung ist bis zum 3. April dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, geöffnet. Am kommenden Montag um 19 Uhr berichten Zeitzeugen, darunter Lydia Passikowa, im Rathaus Schöneberg aus ihrem Leben.

Zu einer Gedenkfeier für die NS–Opfer kamen auch Kardinal Georg Sterzinsky, Bundestagsabgeordnete und Jugendliche aus ganz Deutschland in der Katholischen Akademie in Mitte zusammen. Anlass war die Verabschiedung des Weltjugendtagskreuzes aus Berlin. Das Holzkreuz steht für Versöhnung und ist das Symbol des Weltjugendtages, der im August in Köln stattfindet. Danach wurde das Kreuz von Jugendlichen in das ehemalige KZ Ravensbrück gebracht, wo in einer Zeremonie an die Frauen erinnert wurde, die hier von den Nazis gequält wurden. cvl, ffa, clk

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