Schweinegrippe : Ansturm auf die Gesundheitsämter

Nach dem Tod eines 40-jährigen H1N1-Patienten sind viele verunsichert. Die Kritik am Impfplan des Senats wird lauter.

H. Heine[R. Schönball],J. Radke[R. Schönball],C. Stollowsky

Die Infotelefone klingeln ununterbrochen, die Debatte über die anlaufende Impfaktion und deren organisatorische Mängel wird hitziger: Seit bekannt wurde, dass am Montag im Kreuzberger Urban-Krankenhaus der erste mit Schweinegrippe infizierte Berliner gestorben ist, fühlen sich mehr Berliner denn je durch das H1N1-Virus bedroht. Am Donnerstag telefonierten sich Tausende durch die Auskunftsstellen der Gesundheitsdienste. Unter dem Eindruck der jüngsten Entwicklung wollen offenbar mehr Praxen als bisher die Impfaktion unterstützen. Ärztevertreter kritisieren aber scharf den Pandemieplan der Gesundheitsverwaltung.

Auch im Abgeordnetenhaus wächst die Kritik am Krisenmanagement des Senats: „Aufgrund der schlechten Vorbereitung“ bezweifelt die CDU, „dass die Gesundheitsverwaltung der ansteigenden Nachfrage nach einer Immunisierung gerecht werden kann.“ Und die FDP rügt: „Weder die Logistik der H1N1-Impfung noch die Beschaffung des risikoarmen Impfstoffs für Schwangere und Kinder funktionieren.“ Die Verwaltung wies die Kritik zurück.

Die Ärztekammer warnt trotz des Todesfalles und der gestiegenen Zahl von Infizierten vor Panik: „Dieser Verlauf war zu erwarten.“ Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) blieb gelassen. Die Grippewelle sei da, der Impfstoff aber auch – „und nun wird geimpft“.

Doch bereits bei der Impfung des Schlüsselpersonals liegt offensichtlich einiges im Argen. Kritik gibt es an den „arbeitnehmerunfreundlichen“ Impfzeiten mancher Gesundheitsämter. So kann man sich in Pankow beispielsweise nur Montag, Dienstag und Mittwoch von 9 bis 11 Uhr und donnerstags, 14 bis 16 Uhr, immunisieren lassen. Aus Sicht der Ärztekammer sind die Gesundheitsämter überlastet. Niedergelassene Ärzte, die sich dort immunisieren lassen wollen, würden vertröstet und zu ihren eigenen Kollegen geschickt. „Dabei sollten sie wegen des Kontakts mit Infizierten zuerst geimpft werden.“

Viele niedergelassene Ärzte kritisieren den Pandemieplan des Senats scharf. Der Immunologe Tobias Glaunsinger aus Prenzlauer Berg berichtet, dass er sich schon am 26. Oktober bereit erklärt habe, in seiner Praxis zu impfen. Den geforderten Vertrag habe er umgehend unterzeichnet an die Gesundheitsverwaltung zurückgeschickt. Glaunsinger: „Bis heute habe ich keine Rückmeldung. Alle später geschickten Faxe wurden ignoriert. Wir wissen nicht, ob und ab wann wir impfen können und wie wir an das Serum kommen.“ Andererseits erwartet Glaunsinger, „dass uns impfwillige Patienten ab Montag die Bude einrennen“. Schon jetzt sei die Nachfrage gewaltig. Von der Verwaltung hieß es dazu, man habe Ende Oktober etwa 2000 Verträge an niedergelassene Mediziner verschickt, die als Impfärzte in Frage kommen. 400 positiv beschiedene Verträge seien bisher zurückgekommen. Die Bearbeitung des Rücklaufs sei ein „Riesenaufwand“. Schneller gehe es nicht.

Der Sprecher der etwa 300 niedergelassenen Berliner Kinder- und Jugendärzte, Ulrich Fegeler rügt, die Gesundheitsverwaltung habe die Situation falsch eingeschätzt: „Unsere Praxen sind jetzt zum Winteranfang schon vollauf ausgelastet, um die normalen Erkältungen zu behandeln.“ Eine Massenimpfung sei zu den normalen Sprechzeiten gar nicht zu bewältigen. Dies sei nur zu Extrazeiten oder am Wochenende möglich, wofür man das Personal gesondert bezahlen müsse. Auf der Suche nach einem Kompromiss wären viele Kinderärzte aber unentgeltlich bereit, Kinder und Jugendliche in Räumen der Gesundheitsdienste zu immunisieren. Einzige Bedingung: Die Bezirke sollen das Hilfspersonal stellen. Darüber werde jetzt verhandelt.

Bei den Berlinern wachsen Unruhe und Ungeduld. Von 500 Anrufen an einem Tag berichtet Gesundheitsstadträtin Martina Schmidhofer aus Charlottenburg- Wilmersdorf in ihrer Behörde. „Viele sind aggressiv, wenn sie nicht sofort eine Impfung bekommen.“ In Treptow-Köpenick sagt Amtsärztin Christine Riedel, wegen der Anrufe bleibe die normale Arbeit liegen. Wer bei der Hotline nicht durchkomme, wähle sich durchs Amt. „Der Impfplan ist gut angelaufen“, heißt es dagegen in Pankow. Sorge bereitet dort aber der zu erwartende Ansturm auf die Impfungen am Montag.

Nach Ansicht des Berliner Chefs der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Kilian Tegethoff, ist die Bevölkerung durch das „PR-Debakel der Politik“ schlecht auf die Epidemie vorbereitet. Dass sich der Senat mit den Kassenärzten nicht auf eine Regelung zur Schweinegrippe einigen konnte, habe Patienten verunsichert. Stattdessen werden nun Impfverträge mit einzelnen Praxen abgeschlossen.

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