Schweinegrippe : Impfstoff ist noch reichlich da

Vor einem Jahr gab es den ersten Schweinegrippe-Fall in Berlin.13 Menschen starben – über das Krisenmanagement wird bis heute gestritten.

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Am 14. Juni 2009 erreichte die Schweinegrippe Berlin. Zwar hatte die 23-jährige Frau aus dem Stadtbezirk Treptow-Köpenick den Arzt nur wegen starker Kopfschmerzen aufgesucht und überhaupt nicht an die neue Seuche gedacht. Der Arzt ließ dennoch einen Test durchführen und das Robert-Koch-Institut bestätigte kurze Zeit später, dass sich die junge Frau mit dem H1N1-Virus infiziert hatte.

Der Fall verlief glimpflich. Zwar hatte man aus Mexiko, wo die neue Grippe das erste Mal auftrat, bereits Dutzende Tote gemeldet und auch im US-Bundesstaat Texas war ein Kleinkind an dem Virus H1N1 gestorben – aber die meisten Krankheitsfälle in Europa waren ohne größere Probleme verlaufen.

Außerdem hatte Berlin bereits ein Krisenszenario entwickelt und eine Hotline geschaltet. Auf den ersten Schweinegrippe-Fall vor einem Jahr folgten in der Hauptstadt bis zum heutigen Tag 8514 offiziell festgestellte Erkrankungen. Die Dunkelziffer schätzen Experten weit höher und sprechen von einer fünf- bis zehnfach so hohen Zahl. Viele Ärzte verzichteten angesichts der Vielzahl der Fälle bald auf eine spezielle Untersuchung. 13 Menschen im Alter zwischen 15 und 84 Jahren starben, nur zwei von ihnen waren ohne sogenannte Grunderkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Immunschwäche. Im November 2009, als es den ersten Todesfall in der Hauptstadt gab, lief bereits die Impfaktion. An ihr nahmen aber sehr viel weniger Menschen teil, als die Behörden erwartet hatten.

Ein Jahr nach Ausbruch der Schweinegrippe ist die Aufregung einer gewissen Gelassenheit gewichen. Ärzte gehen davon aus, dass die meisten Fälle nicht mehr registriert werden. Laut Senatsgesundheitsverwaltung wurden seit der 15. Kalenderwoche, also seit Mitte April, keine neuen Erkrankungen mehr gemeldet. „Wir gehen davon aus, dass die erste Welle abgeklungen ist“, sagt die Seuchenbeauftragte des Berliner Senats, Marlen Suckau: „Sie ist milder verlaufen als erwartet und sie hat vor allem nicht so viele Menschen betroffen wie befürchtet.“

Die Meinungen über die Gefährlichkeit der Schweinegrippe gehen bei Bevölkerung, Ärzteschaft und Experten noch immer weit auseinander. Den Vorwurf der Panikmache, den manche Ärzte und Patienten gegen die Gesundheitsbehörden erhoben hatten, weist Marlen Suckau jedoch entschieden zurück: „Das ist wie mit dem Flugverbot“, sagt sie: „Wenn alles gut geht, wird Panikmache unterstellt – spätestens dann, wenn Behörden, nachdem sie mehr Informationen haben, gewisse Strategiewechsel vornehmen können und müssen.“

So habe es bei der Neuen Grippe in der ersten Phase bis zum Sommer Sinn gemacht, Erkrankte und Kontaktpersonen zu isolieren oder ganze Schulen zu schließen. „Vielleicht haben wir diese Strategiewechsel nicht deutlich genug kommuniziert“, stellt die Seuchenbeauftragte selbstkritisch fest. „Auch die Verhandlungen mit einigen Partnern sind nicht immer optimal gelaufen, deshalb wollen wir uns mit allen Beteiligten zusammensetzen, um Konsequenzen zu ziehen.“

Das ist auch bitter nötig, findet Matthias Brockstedt. „Wir haben einfach Glück gehabt, dass die Krankheit so mild verlaufen ist“, sagt der Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes in Berlin-Mitte. Er kritisiert vor allem den langen Streit zwischen Gesundheitsverwaltung und Kassenärztlicher Vereinigung. Wenn sich nicht fünf, sondern 50 Prozent der Bevölkerung hätten impfen lassen wollen, meint er, wäre organisatorisch alles zusammengebrochen: „Das war schwach und hilflos von der Gesundheitsverwaltung und unverantwortlich von der Kassenärztlichen Vereinigung“, sagt Brockstedt. Er kritisiert auch nach wie vor, dass sich viele Ärzte, Schwestern und Helfer in Gesundheits- und Altenpflegeeinrichtungen nicht impfen ließen und so riskierten, ihre weitaus mehr gefährdeten Patienten oder Pflegefälle anzustecken.

Der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz, nimmt seine Kollegen hingegen in Schutz: „Gerade bei der Schweinegrippe gab es eine derartige Propagandisierung und Übertreibung der Gefährdung, dass sich viele allein deshalb der Impfung verweigert haben“, sagt er: „Zugleich wurde fast nichts zu möglichen Nebenwirkungen des in aller Eile entwickelten Impfstoffes gesagt, für mich war das ein klares Versagen der Politik.“

Jonitz ärgert besonders, dass es bisher seiner Ansicht nach keine wirkliche Aufarbeitung des Krisenmanagements mit allen Beteiligten gegeben hat. „Dazu müsste man auch zugeben, dass es eine der harmlosesten Grippewellen der letzten Jahre und die Panikmache völlig übertrieben war“, sagt er. „Und eine zweite Welle ist ja auch nicht eingetreten.“

Letztere könne aber noch kommen, sagt Matthias Brockstedt: „H1N1 hat problemlos die anderen Viren verdrängt. Es breitet sich rasant aus – und es kann leider jederzeit mutieren und dann gefährlicher, wenn nicht gar tödlich sein.“ Vor dem Herbst rechnen allerdings weder Matthias Brockstedt noch Marlen Suckau mit einer neuen Welle. Allerdings rät die Seuchenbeauftragte all jenen zur Impfung, die auf die südliche Erdhalbkugel reisen.

Impfstoff ist jedenfalls noch genügend da. Von den 1,4 Mio Impfdosen, die Berlin für rund 11,7 Millionen Euro gekauft hat, sind noch 225 000 vorrätig. Der Rest befindet sich in einem zentralen Lager für alle Bundesländer. Nur rund 150 000 Berliner haben sich bisher impfen lassen, und ins Ausland konnte man vom Impfstoff auch nichts verkaufen. Sandra Dassler

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